Bestattungsrituale (Frühmittelalter/archäologisch)

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von Sebastian Brather


Die Verabschiedung der Toten war zu allen Zeiten mit Ritualen verbunden, die unterschiedliche materielle Spuren hinterließen. Sie erlauben der Archäologie die Rekonstruktion von Teilen der komplexen Abläufe bei der Bestattung. Besonders bei frühmittelalterlichen Körpergräbern, sogenannten Reihengräbern, wie sie zahlreich in Bayern zu finden sind, spiegeln ab der Mitte des 6. Jahrhunderts Anlage und Ausstattung die ritualisierten Handlungen von der Aufbahrung über Leichenprozession und Beisetzungsfeier bis zur Grablegung wider. Sie dienten der angemessenen Verabschiedung eines verstorbenen Familienmitglieds bzw. Angehörigen der Lokalgesellschaft, wobei vor allem die Vorstellungen der Hinterbliebenen ihren Ausdruck fanden, die den sozialen Status des oder der Verstorbenen reflektierten. Entgegen älteren Vorstellungen war die Grabausstattung religiös indifferent - auch christliche Gräber erhielten Ausstattungen. Fehlende Überschneidungen der Gräber legen obertägige Markierungen nahe. Möglicherweise sind auch die nicht seltenen sekundären Graböffnungen als Bestandteil kultureller Praxis zu deuten, die früher allein unter dem Aspekt des „Grabraubs“ gesehen wurden.

Gräber als Quellen

Die Verabschiedung der Verstorbenen durch die Hinterbliebenen erfolgte auch in frühmittelalterlichen Gesellschaften durch ritualisierte, d. h. durch weitgehend festgelegte, immer wieder in ähnlicher Weise durchgeführte soziale Handlungen. Während die Geschichtswissenschaft anhand weniger schriftlicher Dokumente die Bestattungsrituale vor dem geistigen und religiösen Hintergrund der Zeit zu erhellen sucht [→Bestattungsrituale (Frühmittelalter/historisch)], liegen die Möglichkeiten der Archäologie in der Rekonstruktion von Ritualen, die materielle Spuren hinterließen, aber nirgends beschrieben wurden. Gräber sind dabei die entscheidende Quelle, indem sie Grabanlage und Beisetzung, damit indirekt aber auch soziale, wirtschaftliche und kulturelle Verhältnisse reflektieren.

Im frühmittelalterlichen Bayern, d. i. im Wesentlichen Altbayern und Oberösterreich südlich der Donau, war die Bevölkerung schon in spätrömischer Zeit von der Brand- zur Körperbestattung übergegangen. Ab dem 5. Jahrhundert entstanden aufgrund der Anordnung der Bestattungen sogenannte Reihengräber(felder), die ab Mitte des 6. Jahrhunderts häufig umfangreiche Grabausstattungen erhielten. Sie sind archäologisch in großer Zahl untersucht, weshalb sie vielfältige Einsichten in Bestattungsrituale ermöglichen. Nördlich der Donau – in Teilen Schwabens und im westlichen Franken – setzt die Belegung solcher Friedhöfe ebenfalls schon um 500 n. Chr. ein. Dagegen sind aus dem östlichen Franken und der nördlichen Oberpfalz bisher nur wenige Gräberfelder des 6. und 7. Jahrhunderts bekannt. Dort finden sich aber archäologisch gut untersuchte Bestattungsplätze des späten 7. - 10. Jahrhunderts, die den sogenannten Reihengräberfeldern in vielen Merkmalen ähneln.

Ablauf der Bestattung

Abb. 1: Phasen und Orte einer Bestattung ab der späten Merowingerzeit, schematisierte Varianten. Als Bestattungsplatz kamen sowohl das merowingerzeitliche Reihengräberfeld als auch andere Areale in der Siedlung und ihrem Umfeld bis hin zum Kirchhof in Betracht. (Gestaltung: Sebastian Brather)

In Antike wie Mittelalter unterschied man verschiedene Etappen einer Bestattung. Auf den Tod eines oder einer Angehörigen folgten die Aufbahrung des Leichnams und die Totenklage (1). Daran schloss sich die Leichenprozession an, die an den Ort des Begräbnisses führte (2). Dort fand die Beisetzungsfeier statt (3), und man senkte anschließend die Leiche in das Grab (4). Nach dessen Schließung wurde zu bestimmten Anlässen des oder der Verstorbenen gedacht (5). Die ältesten mittelalterlichen bildlichen Darstellungen dieser Abläufe bietet in zehn Miniaturen das Sakramentar des Bischofs Warmundus von Ivrea (965-1005) um 1000. Normative Texte häufen sich in der Karolingerzeit und betreffen überwiegend das Verbot, in Kirchen zu bestatten.

Auch wenn etliche 1000 frühmittelalterliche Gräber ausgegraben und ausgewertet worden sind, lassen sich nur Teile dieser komplexen Rituale rekonstruieren (Abb. 1). Insbesondere Auftakt und Abschluss entziehen sich weitgehend dem archäologischen Nachweis. Sie fanden entweder nicht am Grab statt oder sie hinterließen in seiner Nähe keine unmittelbaren Spuren. Das Grab reflektiert vor allem Grabanlage und Beisetzung. Zu erfassen sind außerdem lediglich jene rituellen Handlungen, die auch materielle Spuren hinterlassen haben – Gesänge und Litaneien etwa entziehen sich prinzipiell dem sachlichen Nachweis.

Im Mittelpunkt eines Begräbnisses stand der oder die Verstorbene. Die Handelnden waren andere. Zu ihnen gehörten zunächst die Angehörigen, die die Bestattung organisierten. Deshalb bestimmten auch ihre Vorstellungen den Ablauf wesentlich. Doch das Begräbnis richtete sich ebenso an die Lokalgesellschaft, die darauf Einfluss nehmen konnte. Beide Seiten handelten gewissermaßen das Bestattungsritual miteinander aus. Es zielte zwar auf die angemessene Verabschiedung eines bisherigen Familienmitglieds und Nachbarn, doch fanden dabei vor allem die Vorstellungen der Hinterbliebenen ihren Ausdruck.

Grabanlage

Die Spanne reicht von einfachen Gruben in der Erde bis zu aufwändigen Steinkisten. Es finden sich Belege für hölzerne Särge oder Totenbretter, die wegen der meist schlechten Erhaltung nur einen Mindestanteil repräsentieren. Große hölzerne Kammern, die neben dem Leichnam Platz für umfängliche Grabausstattungen boten, sind ebenfalls selten belegt. Baumsärge – gefertigt aus ausgehöhlten Stämmen – treten im südlichen Bayern schon im 5. Jahrhundert und bis in die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts auf, während seit der Mitte des 7. Jahrhunderts Gräber aus Tuffsteinplatten (auch Steinkisten oder Steinplattengräber) in Oberbayern und Schwaben angelegt wurden (Abb 2). Die Unterschiede der Grabformen sind regional, zeitlich und sozial begründet.

Fast nie finden sich Überschneidungen von Gräbern. Sie müssen deshalb so markiert gewesen sein, dass man sie nicht übersehen konnte; allerdings wissen wir über Details kaum Bescheid. Es mag sich um einfache hölzerne Pfosten ebenso wie um sichtbare Aufschüttungen gehandelt haben, wie sie moderne Friedhöfe charakterisieren. Besondere Hervorhebung fand durch die Anlage eines Kreisgrabens (und damit die Schaffung eines Freiraums um das Grab herum) oder gar durch die Aufschüttung eines kleinen Grabhügels statt. Selten zu rekonstruieren sind hölzerne Grabbauten, wie sie in Zeuzleben (Markt Warneck, Lkr. Schweinfurt) erschlossen werden.

Wenn es also Berührungen oder Überlagerungen von Gräbern gab, so waren sie beabsichtigt und sollten wohl soziale Nähe anzeigen. Steinplattengräber konnten mehrfach genutzt werden und nacheinander bis zu zehn Individuen aufnehmen. Für Altenerding/Klettham (Stadt Erding) ist eine größere Anzahl von Gräbern dokumentiert, die mehrfach benutzt wurden, indem man nach gewisser Zeit in derselben Grube mindestens einen weiteren Toten beerdigte. Demgegenüber legte man Doppel- und Mehrfachgräber dann an, wenn mehrere Personen gleichzeitig starben (Abb. 3). Der gemeinsame Tod – gewaltsam oder durch infektiöse Erkrankung – war der Anlass, der die Hinterbliebenen zu einem gemeinsamen Begräbnis veranlasste. Zugleich dürfte soziale Nähe vorhanden gewesen sein, die Tote auch im Grab als zusammengehörig erschienen ließ.

Umgang mit dem Leichnam

Von Ausnahmen abgesehen, verbrannte man die Toten im Mittelalter nicht mehr. Es finden sich lediglich einzelne Brandbestattungen; allein in Regensburg-Prüfening ist ein komplettes Brandgräberfeld ausgegraben worden. Die Körperbestattungen waren von West (Kopf) nach Ost (Füße) ausgerichtet, was in seinen Anfängen nicht zwingend christlich zu deuten ist. Fast alle Toten liegen, teils auf eine weiche Unterlage gebettet, ausgestreckt auf dem Rücken. Die Arme wurden gerade eng an den Leib gelegt. Abweichungen davon sind selten. Gelegentlich bemerkte „Hocklagen“ stellten, wenn es sich nicht um Zufälligkeiten handelte, eine liebevolle Schlafhaltung dar. Die – noch seltenere – Bauchlage wird zwar oft als negativ gemeintes Signal verstanden, doch gilt sie ebenso als christlicher Bußgestus.

Im Grab wurde der oder die Tote meist in der Kleidung begraben; allerdings war sie bzw. waren Teile von ihr dem Leichnam nicht immer angelegt, sondern konnten (wie z. B. Gürtel) auch neben ihm deponiert werden. Doch gibt es auch eine Reihe von Gräbern ohne nachweisbare Ausstattung; dabei handelt es sich um „bescheidene“ Gräber oder aber um sehr frühe bzw. sehr späte merowingerzeitliche Bestattungen, als dies den allgemeinen Trend darstellte. Sofern Grabausstattungen vorhanden sind, fällt die deutliche Unterscheidung der Geschlechterrollen auf. Sie besaßen offenkundig soziale Relevanz und wurden auch im Tod betont.

In Frauengräbern finden sich metallene Bestandteile der Kleidung – zunächst Bügel- und Kleinfibeln als Kleidungsverschlüsse im Ober- wie Unterkörperbereich. Darüber hinaus stattete man die Toten mit Perlen, Armringen und Ohrringen aus. Typisch für Frauen war auch ein „Gehänge“, das verschiedene Utensilien am Band vom Gürtel hängen ließ. Von der Männerkleidung sind oft Gürtel, auch mit kleinen Taschen, überliefert. Häufig sind des Weiteren Waffen – von Spatha (zweischneidiges Langschwert) und Sax (einschneidiges Schwert) über Pfeil (und Bogen?) sowie Lanze und Schild bis hin zu Reitzubehör (Sporen, Trense, Sattel). Waren sie zu groß und passten nicht in den Sarg, wurden sie neben oder über dem Toten abgelegt. Auch wurden Pferde dem Reiter mitgegeben, indem man sie tötete und in einer eigenen Grube beisetzte.

Neben dem Geschlecht spielte das Lebensalter eine Rolle. Die Erwachsenen beiderlei Geschlechts wurden tendenziell am „üppigsten“ ausgestattet; Kinder erhielten noch nicht so viele Grabbeigaben und Alte nicht mehr. Offenbar kam es mehr darauf an, mit dem Alter verknüpfte soziale Rollen vorzuführen als darauf, individuelle Wertschätzung auszudrücken.

Ob der oder die Tote in ein Leichentuch eingehüllt wurde, ist kaum nachzuweisen. Mitunter fällt eine sehr beengte Lage des Toten auf, wie sie auch bei Baumsärgen zu beobachten ist. Ein Zusammenhang zur Ausstattung ist dabei nicht zu erkennen – zusammengezwängte Positionen finden sich mit und ohne nachweisbare Grabbeigaben.

Ausstattung des Grabes

Abb. 4: Süddeutschland und Nachbarregionen, Deponierung von Faltstühlen im Grab. Die Position folgte offenbar Regeln und war nicht beliebig. Komplett aus Eisen gefertigte Faltstühle sind schwarz markiert, solche aus Holz mit einer eisernen Achse grau. (Gestaltung: Sebastian Brather, zusammengestellt nach Sven Gütermann, Faltstühle in frühmittelalterlichen Gräbern. Vorkommen, Konstruktion und Bedeutung, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Jahrgang 39, Bonn 2011, 72-102)

Darüber hinaus konnten weitere Gegenstände im Grab neben dem Leichnam deponiert werden, wenngleich das in Bayern weniger häufig als anderswo der Fall war. Dazu gehörten zunächst Speis und Trank, die in verschiedenen Gefäßen aufbewahrt wurden und durch Knochen, Eierschalen und unansehnliche Inhaltsreste belegt werden. Kanne und Becken aus Bronze mögen als Waschgeschirr zum Mahl gehört haben.

Mobiliar repräsentierte einen weiteren Bereich. Dazu zählen etwa hölzerne Betten mit gedrechselten Pfosten und Stäben, auf denen man Tote bettete. Des Weiteren sind Stühle ähnlicher Konstruktion und kleine Tische belegt. Ein auffälliges und besonderes Sitzmöbel stellten Faltstühle dar. Sie gehen auf antike Vorbilder zurück und versinnbildlichen wohl einen erhöhten Status, der sowohl Männern als auch Frauen zukommen konnte (Abb. 4).

Selten sind – abgesehen von den recht häufigen Spinnwirteln zur Garnherstellung in Frauengräbern – Werkzeuge und Geräte in Gräbern, wobei das Spektrum vom Schmiedewerkzeug wie Zange oder Waage über Flachsbreche und Webschwert bis zur Pflugschar reicht. Ihre Deponierung bedeutete offenkundig mehr als die bloße Verrichtung entsprechender Tätigkeiten, ohne dass sich dies gegenwärtig weiter konkretisieren ließe. Des Weiteren sind Musikinstrumente wie Leiern und Brettspiele zum Zeitvertreib belegt.

Teile der Grabausstattung konnten in Textilien verpackt sein. Dies ist erst jüngst erkannt worden, seitdem die Textilarchäologie verstärkt eingesetzt wird. Häufigkeit und Zweck der Verhüllung von Kleidungsbestandteilen, Waffen oder Gefäßen bleiben einstweilen unklar. Was umhüllt wurde, konnte von den Teilnehmern der Bestattung nicht mehr gesehen, sondern nur noch (durch vorherige Kenntnis) gewusst oder geahnt werden. Es wurde absichtlich den (irdischen) Blicken entzogen.

Aufbahrung

Erst die Wahrnehmung von Aufwand und Zuordnung des Begräbnisses ließ die beabsichtige Wirkung aufkommen. Zwei Situationen sind denkbar:

  • Zum einen die Aufbahrung des/der Toten vor der Beisetzung – sei es im eigenen Haus oder in einer nahen Kirche. Dort konnte die lokale Gesellschaft von ihr/ihm Abschied nehmen und dabei die Anstrengungen der Angehörigen würdigen (oder infrage stellen). Ein indirekter Hinweis darauf mag das „Hineinquetschen“ vieler Grabbeigaben in eine enge Grube darstellen; so konnte der Aufwand nicht wirken – die Ausstattung muss bereits zuvor ausgestellt gewesen sein.
  • Zum anderen die Präsentation in einer geräumigen Grabgrube – verbunden mit einer gezimmerten Kammer aus Holz, wie sie in Franken in einigen Gräberfeldern nachgewiesen wurde. Neben dem oder der Toten, in der Regel rechts daneben, konnte man Waffen ebenso ablegen wie Gefäße und Mobiliar säuberlich nebeneinander deponieren. Dort konnte die Ausstattung von den am Begräbnis Beteiligten gewürdigt werden (Abb. 3). Wie viel Zeit dafür zur Verfügung stand, wissen wir nicht – es mag mehr als ein Tag gewesen sein.

Auf Handlungen am Grab gibt es verschiedene archäologische Hinweise. Feuerreste, verbunden mit Räuchergefäßen, können mit Reinigungsriten zu verbinden sein. Das gilt in gleicher Weise für Gefäße, in denen sich Wasser (zur Waschung des Leichnams oder zum Versprühen?) befunden haben mag. Essensreste und (zerscherbte) Gefäße mögen auf (Fest-)Mahle bei der Bestattung selbst oder zu bestimmten späteren Gedenktagen hinweisen, wie sie frühmittelalterliche kirchliche Texte kritisierten – und damit als häufige Praxis bestätigten.

Glaube

Die bereits spätantike christliche Kritik an aufwändigen Begräbnissen und Gräbern hat dazu geführt, dass frühmittelalterliche Grabausstattungen von der Forschung nicht selten als „heidnischer Brauch“ betrachtet wurden. Dies ist aber nicht zwingend, denn die theologischen Texte wandten sich gegen Praktiken christlicher Gemeinden. Entscheidendes Motiv, Bestattungen aufwändig zu gestalten, war grundsätzlich der Wunsch nach – in den Augen der Beteiligten – angemessener sozialer Repräsentation.

Dafür spricht außerdem zweierlei. Umfangreich und qualitätvoll ausgestattete Gräber finden sich auch in Kirchen, wo man keine heidnischen Bestattungen erwarten sollte. Und „reiche“ Gräber sind in einer Reihe von Fällen mit christlichen Symbolen versehen, ohne dass man damit Probleme gehabt zu haben scheint. Synkretistische, d. h. heidnische und christliche Motive vermischende Vorstellungen sind daraus nicht abzuleiten, sondern vielmehr, dass auch Christen aufwändig begraben werden konnten.

Wahrscheinlich waren die Grabausstattungen nicht allein diesseitig gemeint, sondern konnten ebenso als Jenseitsausstattung verstanden werden. Aber auch dabei sind sie religiös indifferent. Dass Heiden so dachten, ergibt sich aus antiker wie mittelalterlicher (allerdings nicht zeitgenössischer) literarischer Überlieferung. Doch auch Christen dachten so, wie einzelne Schilderungen etwa von Heiligenbeerdigungen zeigen. In jedem Fall bieten die Gräber – abgesehen von eindeutig christlichen Symbolen wie goldenen Folienkreuzen oder eindeutig christlichen Bestattungsplätzen wie Kirchfriedhöfen – keinen direkten Bezug zum religiösen Selbstverständnis.

Graböffnung

Abb. 5: Regensburger Umland, Häufigkeit sekundärer Graböffnungen auf lokalen Bestattungsplätzen (Gräberanzahl in Klammern). Die Anteile unterscheiden sich erheblich, obwohl die Plätze benachbart sind. (Gestaltung: Sebastian Brather, zusammengestellt nach Stephanie Zintl, Frühmittelalterliche Grabräuber? Wiedergeöffnete Gräber der Merowingerzeit, Band 1, Regensburg 2019, 282 Tab. 15).

Nicht alle Toten fanden im Grab ihre „ewige“ Ruhe. Es gab insgesamt einen erheblichen Anteil an Gräbern, die später erneut geöffnet wurden. Zu erkennen ist dies an Schächten und an Verlagerungen innerhalb der Grabgrube. Die ältere Forschung hat dies als „Grabraub“ verstanden und kriminelle Motive unterstellt. Ziel sei es gewesen, „Reichtümer“ aus den Gräbern zu bergen und damit Gewinn zu machen. Gegenüber dieser Interpretation ist die neuere Forschung skeptisch geworden.

Lokal fällt die Anzahl erneut geöffneter Gräber sehr verschieden aus (Abb. 5). Es gibt zeitgleiche Begräbnisplätze, auf denen (fast) alle Gräber ungestört blieben, und solche, bei denen die meisten Gräber geöffnet wurden. Manchmal liegen solch unterschiedlich behandelte Plätze in Sichtweite zueinander. Die sekundäre Graböffnung ist daher ein oft lokales Phänomen. Die lokal erstaunliche Häufung spricht dagegen, Heimlichkeit und Verbrechen zu vermuten. Das Ausgraben konnte nicht unbemerkt bleiben, und sich massiv an den Gräbern der Nachbarn zu vergehen, hätte den sozialen Frieden der Lokalgesellschaften unterminiert. Wahrscheinlicher dürfte daher sein, dass sich die Angehörigen selbst an den Gräbern ihrer Vorfahren und Verwandten zu schaffen machten. Warum sie dies taten, lässt sich bislang nicht hinreichend erklären. Ihnen scheint es darauf angekommen zu sein, noch einmal an ihren verstorbenen Verwandten heranzutreten. Ob sie dabei stets etwas aus dem Grab entnahmen – Knochen oder Ausstattungsteile –, ist nicht immer zu klären. Ebenso wenig sind die Motive deutlich. So gesehen, sind Graböffnungen wohl als kulturelle Praxis zu verstehen, die möglicherweise erst den Abschluss der Bestattungsrituale bildete.

Damit waren diese Manipulationen vermutlich etwas anderes als das, was frühmittelalterliche Rechtstexte wie die Lex Baiwariorum unter Strafe stellten. In ihnen ist die Rede von „Grabfrevel“, „Grabraub“ und „Leichenschändung“. Sie sind mit hohen Geldbußen bewehrt, die abschreckend wirken sollten. Nun ist kaum damit zu rechnen, dass sie vollkommen wirkungslos blieben. Die große Anzahl der Graböffnungen unterstreicht, dass man zumindest lokal beides klar auseinanderhielt.

Karolingerzeitliche Gräber in der Oberpfalz

Auch die seit der späten Merowingerzeit angelegten Friedhöfe in Nordostbayern wurden in der Forschung als Reihengräber bezeichnet. Dort handelte es sich ebenfalls um bereits christliche Gegenden, aber mit spezifischen Bestattungsformen bzw. -ritualen.

Man begrub den Leichnam ebenfalls unverbrannt und meist ausgestreckt in West-Ost-Richtung, wobei auch eine Ausrichtung von Nord nach Süd vorkam. An den Rändern der Erdgruben wurden oft Bruch- oder Feldsteine gesetzt. In einigen Friedhöfen sind Kreisgräben und Grabhügel sowie Pfostenstellungen an Gräbern dokumentiert, mit denen man das jeweilige Grab markiert hatte. Die Grabausstattungen fielen deutlich bescheidener als im 6. und 7. Jahrhundert aus und gleichen damit Gräbern im slawischen Ostmitteleuropa. Kopfschmuckringe (meist Schläfen- und selten Ohrringe) und Perlen (seit dem 9. Jahrhundert) charakterisieren Frauengräber, während bei Männern Sporen und Schnallen sowie selten eine Spatha (im späten 8. Jahrhundert) vorkommen. Messer finden sich in Gräbern beider Geschlechter. Ein großer Teil der Gräber blieb jedoch ohne nachweisbare Grabausstattung. Auffälligerweise ist das am aufwändigsten ausgestattete Grab eines Orts nicht selten das eines Mädchens von 12 bis 14 Jahren, möglicherweise ein Hinweis auf ein frühes Heiratsalter.

Wege der Forschung

Die ersten Reihengräberfelder wurden in den 1830er und 1840er Jahren ausgegraben: 1837 Fridolfing (Lkr. Traunstein), 1843 Nordendorf (Lkr. Augsburg), 1845 Oberflacht (Baden-Württemberg). Rasch war ihre frühmittelalterliche Datierung anhand der Grabausstattungen richtig erkannt. Daraus wiederum ergab sich die Zuschreibung an die frühmittelalterlichen Baiovaren. Die Gräber waren bis in das 20. Jahrhundert die beinahe einzige Quelle der Archäologie, da man Siedlungen noch nicht gelernt hatte zu finden und zu interpretieren.

Nach 1900 interessierte man sich für die Religion der Toten. Einerseits plädierte man aufgrund der Grabausstattungen für Heiden, weil nur sie für das Jenseits gerüstet sein mussten – wie man annahm. Andererseits ließ sich argumentieren, dass im christlichen Bayern kein Platz mehr für Heiden existierte und dass „reich“ ausgestattete Gräber auch bei Kirchen vorkommen. Von großem Interesse waren darüber hinaus die Sozialstrukturen, die sich aus den Gräbern erschließen lassen. Zunächst versuchte man, aus Schriftquellen abgeleitete Statusgruppen anhand der Grabausstattung zu identifizieren. Es stellte sich jedoch heraus, dass Rechtsstatus und Bestattungspraxis nicht direkt aufeinander bezogen werden können.

In jüngerer Zeit haben Bestattungsrituale gestiegene Aufmerksamkeit erfahren. Es ist mittlerweile klar geworden, wie sehr der Vorgang der Bestattung selbst die Gräber bestimmte. Was sich aus den Gräbern zuallererst rekonstruieren lässt, sind daher die Kontexte des Begräbnisses. Über diese spezifische Situation des Umgangs mit den Toten hinaus spiegeln Gräber indirekt häufig weitere gesellschaftliche Gegebenheiten wider: soziale Differenzen und Hierarchien, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Wohlstand, kulturelle Besonderheiten und Vorlieben.

Literatur

  • Nepomuk Amberger, Grabmanipulationen im Reihengräberfeld von Altenerding/Klettham. Analyse und Typologisierung der Grabmanipulationen, MA-Arbeit, München 2017.
  • Lothar Bakker, Ein kleines Gräberfeld des frühen Mittelalters aus Inningen, Stadt Augsburg, Schwaben, in: Das archäologische Jahr in Bayern 2004 (2005), 123–125.
  • Antja Bartel, Schutz, Verpackung oder Zier? Schutzvorrichtungen an metallenen Trachtbestandteilen und Beigaben. Beobachtungen, Befunde, Rekonstruktionen, in: Lise Bender Jørgensen/Johanna Banck-Burgess/Antoinette Rast-Eicher (Hg.), Textilien aus Archäologie und Geschichte. Festschr. Klaus Tidow, Neumünster 2003, 132–141.
  • Sebastian Brather, Bestattungsrituale zur Merowingerzeit. Frühmittelalterliche Reihengräber und der Umgang mit dem Tod, in: Christoph Kümmel/Beat Schweizer/Ulrich Veit (Hg.), Körperinszenierung, Objektsammlung, Monumentalisierung. Totenritual und Grabkult in frühen Gesellschaften. Archäologische Quellen in kulturwissenschaftlicher Perspektive (Tübinger archäologische Taschenbücher 6), Münster u. a. 2008, 151–177.
  • Sebastian Brather, Deponierung im Grab. Neue Perspektiven der Frühmittelalterarchäologie, in: Sebastian Brather/Dirk L. Krauße (Hg.), Fundmassen. Innovative Strategien zur Auswertung frühmittelalterlicher Quellenbestände (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 97), Darmstadt 2013, 219–232.
  • Sebastian Brather/Sven Gütermann/Melanie Künzie/Jens Reinecke/Christiane Schmid/Katharina Streit/Dmy­tro Tolkach/Nina Wächtler/Vera Zadow, Grabausstattung und Lebensalter im frühen Mittelalter. Soziale Rollen im Spiegel der Bestattungen, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 30, 2007 (2009), 273–378.
  • Sebastian Brather/Claudia Merthen/Tobias Springer (Hg.), Warlords oder Amtsträger? Herausragende Bestattungen der späten Merowingerzeit (Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Wissenschaftlicher Beiband 41), Nürnberg 2018.
  • Susanne Brather-Walter, Getränke- und Speisebeigaben in merowingerzeitlichen Gräbern – ein "gefundenes Fressen"?, in: Jörg Drauschke/Roland Prien/Alexander Reis (Hg.), Küche und Keller in Antike und Frühmittelalter (Studien zu Spätantike und Frühmittelalter 6), Hamburg 2014, 341–363.
  • Susanne Brather-Walter/Sebastian Brather, Repräsentation oder Religion? Grabbeigaben und Bestattungsrituale im frühen Mittelalter, in: Niklot Krohn/Seba­stian Ristow (Hg.), Wechsel der Religionen – Religion des Wechsels (Studien zu Spätantike und Frühmittelalter 4, Hamburg 2012, 121–143.
  • Johannes Engels, Funerum sepulcrorumque magnificentia. Begräbnis- und Grabluxusgesetze in der griechisch-römischen Welt. Mit einigen Ausblicken auf Einschränkungen des funeralen und sepulkralen Luxus im Mittelalter und in der Neuzeit (Hermes-Einzelschriften 78), Stuttgart 1998.
  • Hubert Fehr, Friedhöfe der frühen Merowingerzeit in Bayern. Belege für die Einwanderung der Baiovaren und anderer germanischer Gruppen?, in: Hubert Fehr/Irmtraut Heitmeier (Hg.), Die Anfänge Bayerns. Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria (Bayerische Landesgeschichte und europäische Regionalgeschichte 1), St. Ottilien 2012, 311–336.
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  • Tobias Gärtner u. a., Frühmittelalterliche Frauen in Waffen? Divergenzen zwischen der archäologischen und anthropologischen Geschlechtsansprache, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 79 (2014), 219–240.
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  • Sven Gütermann, Faltstühle in frühmittelalterlichen Gräbern. Vorkommen, Konstruktion und Bedeutung, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 39 (2011), 37–108.
  • Winfried Hartmann, Bestattungen und Bestattungsrituale nach dem kirchlichen und weltlichen Recht des frühen Mittelalters, in: Jörg Jarnut/Matthias Wemhoff (Hg.), Erinnerungskultur im Bestattungsritual. Archäologisch-historisches Forum (MittelalterStudien 3), München 2003, 127–143.
  • Klaus Kerth, Die Tierbeigaben aus vier frühmittelalterlichen Gräberfeldern in Unterfranken, in: Germania 78 (2000), 125–137.
  • Heide Lüdemann, Mehrfachbelegte Gräber im frühen Mittelalter. Ein Beitrag zum Problem der Doppelbestattungen, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 19 (1994), 421–589.
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Empfohlene Zitierweise

Sebastian Brather, Bestattungsrituale (Frühmittelalter/archäologisch), publiziert am 23.06.2022; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bestattungsrituale_(Frühmittelalter/archäologisch)> (04.10.2022)





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