Bamberger Dichterkreis (1936-1943)

von Wulf Segebrecht

Der Bamberger Dichterkreis war eine kameradschaftliche Vereinigung deutscher Dichter aus allen Gauen Deutschlands, die in den Jahren 1936 bis 1942 in Bamberg zu gemeinsamen Tagungen zusammenkamen und durch Veranstaltungen und Publikationen Zeugnis ablegten von ihrem Bekenntnis zum NS-Staat.

Entstehung und Zusammensetzung der "Dichterkarawane"

Auf Initiative der Leipziger Neuesten Nachrichten zog im Mai 1936 eine sog. Dichterkarawane von acht Schriftstellern durch Bayern, um Land und Leute kennenzulernen und darüber zu berichten. Dichterfahrten dieser Art waren in NS-Deutschland Instrumente der nationalsozialistischen Literaturpolitik. Ihre Aufgabe war es, nach der Formulierung von Dr. Rudolf Erckmann (NSDAP, 1903-1966) aus dem Reichspropagandaministerium, den Autoren „die gewaltigen Ereignisse der Zeit erlebnismäßig so weit wie irgend möglich in der Hoffnung aufzuschließen, dass der Samen dieses Erlebens reiche Frucht im Werk tragen möge" (zit. nach Segebrecht, Dichterkreis, 12). Die ersten zehn nach ihrer landsmannschaftlichen Zugehörigkeit ausgewählten Mitglieder des Bamberger Dichterkreises waren:

Name Lebensdaten Beruf regionale Provenienz Literaturgattung Anmerkungen herausragende Werke Preise und Auszeichnungen
Stefan Andres 1906-1970 Lehrer Moselfranken Katholischer Schriftsteller, Verfasser von Dramen Noviziat bei verschiedenen Bettelorden; mit einer Halbjüdin verheiratet; September 1937 Emigration nach Italien El Greco malt den Großinquisitor (1936); Wir sind Utopia (1942) Stipendium der Abraham-Lincoln-Stiftung (1932)
Max Barthel 1893-1975 Arbeiter Sachsen Arbeiterdichtung Vor 1933 Mitglied von KPD und SPD Verse aus den Argonnen (1916) Ausschußmitglied der Union nationaler Schriftsteller (1934)
Roland Betsch 1888-1945 (Suizid) Ingenieur Pfalz Verfasser weitgehend unpolitischer Erzählungen, Novellen und Romanen Die Verzauberten (1934)
Hans Brandenburg 1885-1968 Volkshochschuldozent Rheinfranken Verfasser von Romanen, Lyrik, Dramen, biographischer Werke und Essays Seit 1917 in München ansässig Joseph von Eichendorff. Sein Leben und sein Werk (1922); Friedrich Hölderlin, Sein Leben und sein Werk (1924) Literarischer Beirat der "Hauptstadt der Bewegung" (1935)
Friedrich Deml 1901-1994 Gymnasial- bzw. Hochschulprofessor Oberfranken Verfasser von Dichtungen, Erzählungen, Laienspielen und Noevellen; christliche Prägung Als Soldat in Norwegen Kontakte mit dem oppositionellen Kreisauer Kreis Kleist in Würzburg (1962)
Hans Franck 1879-1964 Volksschullehrer Mecklenburg Zunächst Damatiker, dann Verfasser kulturhistorischer Romane Opfernacht (1921); Klaus Michel (1926)
Otto Gmelin 1886-1940 Gymnasiallehrer Baden Verfasser historischer Romane und Erzählungen Studium der Mathematik und Naturwissenschaften Temudschin, der Herr der Erde (1925); Das Neue Reich (1930); Der Ruf zum Reich. Die deutsche Tragödie in Italien (1936)
Hans Christoph Kaergel 1889-1946 Volksschullehrer Schlesien Heimatdichter und -dramatiker 1942 Leiter der Landeskulturkammer Niederschlesien Hoeckewanzel (1934) Sächsischer Staatspreis für Literatur (1934)
Ernst Ludwig Schellenberg 1883-1964 Privatgelehrter und Schriftsteller Thüringen Verfasser von Gedichten und Romanen; Anhänger der Romantik und Mystik Deutsche Mystik (1921); Das Buch der deutschen Romantik (1924)
Heinrich Zerkaulen 1892-1954 Journalist Rheinland Verfasser von Erzählungen, Romanen, Lyrik und Dramen Zerkaulens Theaterstücke gehörten zu den meist aufgeführtesten Stücke in der NS-Zeit Jugend von Langemarck (1933) Beethovenmedaille der Stadt Bonn (1943)

Zwei dieser Autoren kamen erst hinzu, als die Dichterkarawane Bamberg erreichte: Otto Gmelin, der krankheitshalber am ersten Teil der Dichterfahrt (durch Nordbayern) nicht teilnehmen konnte, und Friedrich Deml, den Hans Brandenburg „auf eigene Faust" zusätzlich nach Bamberg eingeladen hatte.

Die Gründung des Bamberger Dichterkreises

In Bamberg hielten sich diese zehn Dichter im Mai 1936 nur für wenige, allerdings folgenreiche Stunden auf. Hier, während einer Kaffeestunde auf dem Michelsberg, trug Hans Brandenburg den Gedanken vor, „uns wiederzusehen, und zwar alle Jahre und am gleichen Orte". Dieser Einfall fand, „kaum ausgesprochen und vom Oberbürgermeister und den übrigen uns begleitenden Herren der Stadt gleich gastlich aufgegriffen, die begeisterte Zustimmung meiner Kameraden" (Lob Bambergs, 8).

Gründe für den Standort Bamberg

Der Bamberger Reiter (auch: steinerner Reiter) ist eines der Wahrzeichen der Stadt Bamberg. Das aus dem 13. Jahrhundert stammende, aus Schilfsandsteinblöcken gehauene Reiterstandbild war ursprünglich farbig gefasst. Wer hier dargestellt wird, ist unbekannt. Das Standbild wurde insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg politisch instrumentalisiert. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)

Die Stadt Bamberg bot sich den Dichtern und den Veranstaltern ihrer Zusammenkünfte in mehrfacher Hinsicht als Tagungsort an: Für sie war Bamberg die Stadt der deutschen Mitte, das Symbol der Mitte des Reiches, die deutscheste aller Städte, die „frühzeitig und kämpferisch in das Dritte Reich eingetreten ist" (Hans Brandenburg in Lob Bambergs, 12); sie war die Stadt des hymnisch verehrten sog. Bamberger Reiters (auch: steinerner Reiter), den Ludwig Friedrich Barthel (1898 - 1962) als „Urkunde und Testament unserer Rasse" bezeichnete (Segebrecht, 30); und Bamberg war für den Dichterkreis schließlich die Stadt des romantischen Dichters E.T.A. Hoffmann (eigtl. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, 1776-1822), in dessen Wohnhaus sie während ihrer Tagungen fröhlich-gesellige Stunden verbrachten.

Die Tagungen des Bamberger Dichterkreises

Im Anschluss an den Besuch der Dichterkarawane in Bamberg im Jahre 1936 fanden bis 1942 noch weitere vier Bamberger Dichtertreffen statt: vom 29. Mai bis zum 1. Juni 1937, vom 28. bis zum 31. Mai 1938, vom 2. bis zum 5. Juni 1939 und - nach einer Unterbrechung durch die Kriegsereignisse - vom 4. bis zum 7. September 1942. Die Jahrestagungen des Bamberger Dichterkreises fanden jeweils auf Einladung der Stadt Bamberg mit dem Oberbürgermeister und Kreisleiter Lorenz Zahneisen (NSDAP, 1897-1950, Oberbürgermeister von Bamberg 1934-1945) bzw. seinem Vertreter Metzner unter Beteiligung der Gauleitung der NSDAP und des Reichspropagandaamtes statt. Regelmäßig gab es öffentliche Morgenfeiern mit musikalisch-literarischen Darbietungen und Rezitationen, Dichterlesungen in Schulen und Betrieben, Buchhandlungen, Kasernen, Lazaretten, bei der Wehrmacht sowie Ausflüge in die Umgebung, etwa nach Schloss Weißenstein in Pommersfelden, Schloss Seehof in Memmelsdorf, zur Burg Giech bei Scheßlitz (alle Lkr. Bamberg), zur Burg Altenburg oberhalb Bambergs und zur Burg Aufseß (Lkr. Bayreuth).

Die Erweiterung des Bamberger Dichterkreises

Die ersten zehn Schriftsteller, die sich im Olympiajahr 1936 in Bamberg zu einem kameradschaftlichen Dichterkreis zusammenschlossen, bildeten eine völkisch-nationale Gesinnungsgemeinschaft. Die Etablierung der NS-Diktatur erfuhren sie als konsequente Einlösung ihrer Vorstellungen vom Geist und Wesen des deutschen Volkes, von deutscher Heimat und deutscher Größe. Der Garant dieser Größe war für sie Adolf Hitler (NSDAP, 1889-1945, Reichskanzler 1933-1945), den sie geradezu kultisch verehrten. Diese Auffassungen kamen in den Erweiterungen des Dichterkreises zum Ausdruck, die während der Jahrestagungen beschlossen wurden. Sie dienten nicht nur der Verjüngung des Kreises, in den nun Vertreter der jüngeren Generation Aufnahme fanden, sondern berücksichtigten mit Nachdruck auch die Dichter der Gebiete, die 1938 durch die Eingliederung des Sudetenlandes und die Annexion Österreichs das gefeierte „Großdeutschland" entstehen ließen.

Heinz Grothe (1912-1990) hat diese Entwicklung des Dichterkreises bis zum Beginn des Krieges auf seine Weise nachgezeichnet: „Die Generation der Frontkämpfer des Weltkrieges und die nachwachsende Mannschaft des nationalsozialistischen Kampfes, der deutsch-polnischen Auseinandersetzung von 1939 und des damit aufgezwungenen Krieges hat sich in der Bamberger Dichterkameradschaft gleichsam als Symbol der drinnen und draußen herrschenden Einigkeit verbunden" (Dichter grüßen die Front, 207).

Die folgenden Autoren kamen in den Jahren 1937 bis 1942 hinzu:

Name Geburtsdatum und -ort Beruf regionale Provenienz Literaturgattung Anmerkungen herausragende Werke Preise und Auszeichnungen
Ludwig Friedrich Barthel 1898-1962 Archivar Unterfranken Neoromantiker, Naturlyriker 1924 Mitbegründer der "Argonauten" Tannenberg. Ruf und Requiem (1934)
Bruno Brehm 1892-1974 Buchhändler Sudetenland Romanschriftsteller; sudetendeutscher Heimatdichter Apis und Este (1931); Das war das Ende (1932); Weder Kaiser noch König (1933) Präsident der Wiener Kulturvereinigung (1941), Aufnahme in die Gottbegnadeten-Liste (1944)
Heinz Grothe 1912-1990 Journalist Berlin Verfasser von Anekdoten, Essays und Novellen "Chronist" des Bamberger Dichterkreises, Schwiegersohn von Hans Franck Klabund. Leben und Wirken eines Poeten (1933)
Curt Hotzel 1894-1967 Journalist Sachsen Verfasser von Romanen und Komödien Blutweihe. Gedanken über die deutsche Zukunft (1919); Daniel geht um (1939)
Felix Lützkendorf 1906-1990 Journalist; 1936-1943 Chefdramaturg der Berliner Volksbühne Sachsen Dramatiker und Verfasser historischer Romane Vor 1933 Angehöriger der Mitteldeutschen Sozialistischen Jugend Opfergang (1934) Schiller-Preis der Stadt Leipzig (1932); Biennale-Filmpreis (1936)
Herybert Menzel 1906-1945 (gefallen) Schriftsteller Posen Verfasser völkischer Romane, Parteidichter Umstrittene Erde (1930) Mitglied des Kulturkreises der SA; Preis des Stabschef der SA für Dichtung und Schrifttum (1940)
Josef Friedrich Perkonig 1890-1959 Volksschullehrer Kärnten Verfasser von Romanen und Erzählungen; Dichter im Zeichen des "Kärtner Abwehrkampfes" 1936 Mitglied im NS-nahen Bund deutscher Schriftsteller Österreichs, 1937 Volkspolitischer Referent der Vaterländischen Front in Kärnten, 1938 Landesobmann der Schriftsteller in der Reichsschrifttumskammer Kärnten Menschen wie du und ich (1935) Großer Österreischischer Staatspreis für Literatur (1935)
Gerhard Schumann 1911-1995 Schriftsteller Württemberg Nationalsozialistischer Lyriker 1933 Landesführer des Nationalsozialistischen Studentenbundes in Württemberg, 1935 Kulturreferent des Reichspropagandaamtes Württemberg, 1938 Leiter der Gruppe "Schriftsteller" in der Reichsschrifttumskammer, 1942 Chefdramaturg des Württembergischen Staatstheaters Wir aber sind das Korn (1936) Schwäbischer Dichterkreis (1935); Nationaler Buchpreis (1936); Mitglied des Kulturkreises der SA; Mitarbeiter in der Kulturabteilung des SS-Hauptamtes (1942); Präsident der Hölderlin-Gesellschaft (1943)
Heinz Steguweit 1897-1964 Bankkaufmann Rheinland Verfasser von Romanen und Dramen, nach 1945 als Kinder- und Jugendbuchschriftsteller tätig 1933 Kulturredakteur des Westdeutschen Beobachters, 1934 Landesleiter der Reichsschrifttumskammer im Gau Köln-Aachen Die Gans (1927); Der Jüngling im Feuerofen (1932); Der Nachbar zur Linken (1936) Rheinischer Dichterpreis (1938)
Anton Wurzer 1893-1955 Lehrer Oberpfalz Heimatschriftsteller, Mundartdichter Steinpfälzer Schelmenspiegel (1952)

Der Bamberger Dichterkreis und die Gründung der E. T. A. Hoffmann Gesellschaft 

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (eigtl. Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, 1776-1822) zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der deutschen Romantik. Kupferstich nach einem Selbstbildnis, ohne Jahr. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-007836)

Gesellige und feuchtfröhliche Zusammenkünfte des Bamberger Dichterkreises fanden im sog. Hoffmann-Haus am Schillerplatz statt, wo schon zuvor seit 1926 eine "Tafelrunde der Freunde E.T.A. Hoffmanns" gewirkt hatte. Hier haben, "beseelt von dem Wunsche, daß Hoffmann für das deutsche Volk leben soll, die Teilnehmer an dem Bamberger Dichtertreffen 1937 in Hoffmanns einstigem Poetenstübchen am Schillerplatz den Beschluß gefaßt, die Gründung einer E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft anzubahnen. Im Verfolg dieses Beschlusses wurde durch den Oberbürgermeister der Stadt Bamberg L. Zahneisen an den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer in Berlin ein Antrag auf Erlaubnis zur Gründung einer solchen Gesellschaft gestellt und mit Schreiben vom 4. November 1937 dahin verbeschieden, daß Bedenken über die Gründung einer E.T.A Hoffmann-Gesellschaft nicht bestehen. So wurde denn die 'Gaukulturwoche des Gaues Bayerische Ostmark' im Juni 1938 mit einer glänzend verlaufenen 'E.T.A. Hoffmann-Feier' am 14. Juni 1938 verbunden und bei ihr von Oberbürgermeister Zahneisen die Gründung der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft ausgesprochen" (Mitteilungen, Heft 1, Dezember 1938, 6f.). Noch im gleichen Jahr erschien das erste von bis zum Kriegsende insgesamt vier Heften (davon ein Doppelheft) der "Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft. Sitz in Bamberg, herausgegeben unter Mitwirkung namhafter Fachmänner sowie des Bamberger Dichterkreises". Mit Heft 5 wurden die "Mitteilungen" 1958 nun ohne Nennung des Bamberger Dichterkreises fortgesetzt, bis sie 1993 vom "E.T.A. Hoffmann Jahrbuch" abgelöst wurden.

Die Publikationen des Bamberger Dichterkreises

Lob Bambergs

In dieser zum 1. Jahrestreffen des Bamberger Dichterkreises 1937 als "Gruß der Erinnerung und Dankbarkeit an die Stadt" publizierten schmalen Broschüre (46 Seiten) waren die zehn Autoren und die Veranstalter der Bamberger Dichtertage des Jahres 1937 mit Reden und kürzeren literarischen Beiträgen vertreten. Unzweideutig gab Lorenz Zahneisen die Richtung vor, in die der Bamberger Dichterkreis gehen sollte: "Richtungsweisend ist dabei auch hier das Wollen des Führers, der nicht nur als politischer Baumeister ein wirklicher Künstler ist und dessen ganzes Planen und Wollen dem deutschen Volke gilt, sondern der der deutschen Kultur aus ihrer Verfallszeit den Weg zu ihrer eigentlichen Aufgabe neuerdings gewiesen hat. (…) Wenn alle Künstler, die Maler und Musiker und vor allem die Dichter auf dieses große Wollen des Führers sich ausrichtend ihre beste Leistung geben, dann wird die deutsche Kultur auch weiterhin jene große gewaltige Wirkung ausüben, die sie in ihren höchsten Blütezeiten ausstrahlte." (Lob Bambergs, 6).

Zehn Dichter – Zehn Landschaften

Der Band erschien im Anschluss an das Dichtertreffen des Jahres 1937. Die Autoren stellen sich und zugleich eine deutsche Landschaft, die sie geprägt hat, mit ausführlichen erzählerischen Beiträgen vor. Zusätzlich und eigens für diesen Band geben sie betont eigenwillige autobiographische Auskünfte. Die Landschaft Frankens, die die Dichter auf ihrer gemeinsamen Dichterfahrt kennen gelernt haben, schildert Heinrich Zerkaulen liebevoll in seiner einführenden "Erinnerung und Zueignung": "Und noch einer liebt dieses Land wie kein anderes innerhalb der deutschen Heimat: Adolf Hitler". In "Mit Adolf Hitler in die Macht" findet sich die Stelle: "Immer aufs neue empfindet der Führer das fränkische Land als die deutscheste aller Landschaften. Wie eine köstliche Musik nimmt Adolf Hitler hier den Wechsel der sanften Hügel und Täler, der Wiesen und Felder, den Zusammenhang der Landschaft und Kultur in sich auf" (13).

Tafelrunde bei E. Th. A. Hoffmann

Der Band enthält "jene Beträge, die gelegentlich unserer letzten Zusammenkunft in öffentlichen Veranstaltungen der Parteigliederungen und der Stadt, in Schulen, in Fabrikbetrieben, in Schloß Pommersfelden und vor Abteilungen der Bamberger Garnison durch die Kameraden selbst zur Vorlesung gelangten" (14f.). Von E.T.A. Hoffmann ist in der "Tafelrunde" kaum die Rede. Einzig Friedrich Deml erzählt die fiktive Geschichte einer Selbstbegegnung Hoffmanns, und der Bildhauer Hans Leitherer (nicht Mitglied des Dichterkreises) berichtet von der "Wiederaufdeckung des Loches in E. Th. A. Hoffmanns Zimmerdecke". Den Abschluss bildet ein Aufruf zum Beitritt in die 1938 gegründete E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft.

Dichter grüßen die Front

Im ersten Kriegsjahr erschienen (auch als Feldpostausgabe), vereinigt dieser Band eingesandte Beiträge der Mitglieder des Bamberger Dichterkreises, die Heinz Grothe abschließend einzeln vorstellt, wobei er auch Stefan Andres nach wie vor als Bamberger betrachtet: "Zu einem Zeitpunkt, da die Weltkarte Europas von Grund aus umgestaltet wird, da ein Volk (…) mit wahrhaft faustischem Bemühen einen neuen und geraden Weg zu seinem Gotte sucht, in solchem Augenblick der Zeitenwende, hat die Dichtung dieses Volkes zu erweisen, ob sie der Größe des geschichtlichen Denkens gewachsen ist. Künder der deutschen Seele denn was anderes könnte und wollte ein Dichter sein tragen in sich ein feierlich verpflichtendes Gelöbnis, das ein Geheimnis umhütet. Dieses Geheimnis liegt immer noch inmitten des Reiches, so groß dieses Reich unterdes auch geworden ist." (Dichter grüßen die Front, 10f.).

Deutschland und sein Reiter

Der Band enthält Beiträge (Prosa und Gedichte) von allen Mitgliedern des Bamberger Dichterkreises mit den Ausnahmen Stefan Andres, der in Italien lebte, Curt Hotzel und Otto Gmelin, der 1940 verstorben war. Der "Reiter" des Titels ist nicht thematisch gemeint; der Bamberger Reiter wird nur im Vorwort von Heinrich Zerkaulen erwähnt: "Wir kennen bis zum heutigen Tag keine andere Bindung, als die des Vermächtnisses vom Reiter! Dies Reiterstandbild im Dom zu Bamberg, das Gleichnis von des ewigen Reiches ewig glühender Jugend, bedeutet uns Ruf der eigenen Sendung" (9). Im Übrigen erzählen die Autoren patriotische Kriegsgeschichten aus dem Ersten Weltkrieg, aus dem Sudentenland und aus Norwegen. Und die jüngeren nationalsozialistischen Parteidichter bieten peinliche Verselogen auf "Des Führers Augen": "wir spürten deine Augen auf uns schauen, / die streng und gütig den Befehl uns sagten. / Stürm, Fahne, flieg! (Gerhard Schumann, 171) und "Was morgen wird, das wollen wir nicht fragen, / was unser Führer von uns fordert, gilt. / Es ist der Weg, der Sturm, das große Wagen, / in seinen Augen glänzt uns Deutschlands Bild" (Herybert Menzel, 137).

Wirkung, Forschungsstand, Resümee

Eine nennenswerte Wirkung über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus hat der Bamberger Dichterkreis nicht erreicht. Als Forschungsgegenstand ist er heute (2021) von Bedeutung, weil die Dokumentation und Kommentierung seines Wirkens paradigmatische Einblicke in die üblichen Literaturverhältnisse unter den Bedingungen des Nationalsozialismus ermöglicht. Das gilt auch für das Werk der heute weithin vergessenen Mitglieder des Bamberger Dichterkreises: "Sie bejahten von Herzen das Dritte Reich, sie schwiegen zu dem Unrecht, das ringsum geschah, sie machten Zugeständnisse und ließen sich den Mißbrauch gefallen; sie paßten sich an, mehr oder weniger, oder sie versuchten, den Anschluß nicht zu verpassen" (Segebrecht, 7).

Literatur

  • Manfred Moßmann, Dichterkarawane unter der heißen Sonne der Reichskulturkammer. Aus einigen Artikeln der "Leipziger Neuesten Nachrichten" Jahrgang 1936, in: Mitteilungen der Stefan-Andres-Gesellschaft 34 (2013), 65-68.
  • Bernhard Schemmel, In Hoffmanno! Haus, Gesellschaft. Ein Beitrag zur Rezeptionsgeschichte, Bamberg 2013, 41-51.
  • Wulf Segebrecht (Hg.), Der Bamberger Dichterkreis. 1936–1943 (Helicon 6), Frankfurt am Main/Bern/New York u. a. 1987. (Als Katalog einer Ausstellung der Staatsbibliothek Bamberg bereits 1985 erschienen.)

Quellen

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Wulf Segebrecht, Bamberger Dichterkreis (1936-1943), publiziert am 20.12.2021; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bamberger_Dichterkreis_(1936-1943)>. (26.06.2022)






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