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Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP)

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von Uwe Kranenpohl

Das Logo der ÖDP (in dieser Form verwendet seit 1997; Stand: 2020). (Ökologisch-Demokratische Partei)

Die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP, 1997 bis 2010: ödp) ist eine deutschlandweit tätige bürgerliche Ökologiepartei, die ihren deutlichen Schwerpunkt in Bayern hat. Ihr Aufstieg ist eng verbunden mit ihrem Gründungsvater, dem Politiker und Umweltschützer Herbert Gruhl (CDU, 1921-1993, MdB 1969-1980). Ende der 1980er Jahre brach die Partei mit Gruhl. Aufmerksamkeit erregte die ÖDP bundesweit, vor allem aber in Bayern mit ihren Initiativen zur Volksgesetzgebung.

Entstehung und Entwicklung bis 1990

Am Beginn der Geschichte der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) steht die Ökologiebewegung der 1970er Jahre. Die Parteigründung erfolgte im Umfeld von Herbert Gruhl (CDU, 1921–1993, MdB 1969-1980). Gruhl erlangte bundesweite Bekanntheit durch seinen 1975 erschienenen Bestseller "Ein Planet wird geplündert", in dem er die wachstumsorientierte Wirtschaftsweise der Industriegesellschaft kritisierte. Außerdem griff er die Kernenergiepolitik an und vertrat damit unter Christdemokraten eine klare Minderheitenposition, während sich in der SPD bereits eine intensive Diskussion über einen möglichen Atomausstieg entwickelte. Nach seinem Austritt aus der Christlich Demokratischen Union (CDU) 1978 – Gruhl blieb bis 1980 fraktionsloses Mitglied des Bundestages – gründete er die "Grüne Aktion Zukunft" (GAZ), die dann in der neuen Partei Die Grünen aufging. Gruhl scheiterte allerdings bei der Gründungsversammlung im Januar 1980 in Karlsruhe (Baden-Württemberg) mit seiner Kandidatur für den Posten eines der drei gleichberechtigten Bundesvorstandssprecher (= Bundesvorsitzenden) der Grünen. Schnell wurde deutlich, dass sich Gruhl und seine Anhänger in der stark von linken Gruppierungen geprägten Neugründung in einer klaren Minderheitenposition befanden. Kritisch wurden von der Mehrheit der neuen politischen Bewegung nicht nur die klare Zustimmung von Gruhl und seinen Anhängern zur parlamentarischer Demokratie gesehen, sondern auch die konservative "Lebensschutzkonzeption", die neben Umweltzerstörung auch Abtreibung kategorisch ablehnte und auch ethnozentristische Züge aufwies. Gruhl trat daher bereits Anfang 1981 mit seinen Getreuen aus der Partei aus und gründete im März 1982 in Bad Honnef (Nordrhein-Westfalen) die ÖDP.

Herbert Gruhl (CDU/ÖDP, 1921-1993), Mitbegründer und erster Vorsitzender der 1982 gegründeten ÖDP. (Interfoto, Mediennummer: 00406508)

In den 1980er Jahren blieb die Partei allerdings bei Wahlen erfolglos (das beste Ergebnis waren 1,4 % bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 1988), obwohl Gruhl mit seiner überregionalen Prominenz der ÖDP eine gewisse mediale Präsenz sicherte. Allerdings erwies er sich auch als Belastung, denn die von ihm offensiv vertretene "Lebensschutzkonzeption" war für rechtsextremistische Interpretationen zumindest offen und auch die organisatorischen Verbindungen zum "Weltbund zum Schutz des Lebens" gaben Anlass für kritische Aufmerksamkeit. Der Vorwurf, die Partei sei "ökofaschistisch", wurde nicht nur vom linken Flügel der Ökologiebewegung erhoben. Im Rückblick sprach sogar der spätere Parteivorsitzende Hans-Joachim Ritter (ÖDP, geb. 1949, Vorsitzender 1989-1993) mit Blick auf einige Teile der Partei von "braunem Sumpf". Gruhl machte aber keine Anstalten, entsprechenden Einschätzungen durch eine klare Distanzierung entgegenzutreten. Auf Betreiben vor allem jüngerer Parteimitglieder kam es daher auf dem Bundesparteitag im Februar 1989 in Saarbrücken (Saarland) zu einem "Abgrenzungsbeschluss" gegenüber Rechtsparteien, den Gruhl allerdings ablehnte. Er legte noch auf dem Parteitag den Bundesvorsitz nieder und verließ schließlich Ende 1990 die Partei. Zwar folgten nur wenige Mitglieder (bezeichnenderweise wechselten aber einige zu den Republikanern); doch hatte die Partei mit Gruhl ihr Aushängeschild verloren.

Wahlergebnisse

Wahlen zum Bundestag

Bei Bundestagswahlen ist die Partei erfolglos geblieben – selbst mit ihren besten Ergebnissen von bundesweit 0,4 % 1990 und 1994 blieb die Partei noch unter der erforderlichen 0,5 % Stimmanteil für die Teilnahme an der staatlichen Parteienfinanzierung. Bei den vorgezogenen Bundestagswahlen 2005 verzichtete die Partei sogar auf die Teilnahme und rief stattdessen zur Wahl der Familien-Partei Deutschlands (Familie) auf. Etwas besser sieht es für die ÖDP bei Europawahlen aus, bei denen es ihr seit 1989 – mit einer Ausnahme (1999) – immer gelang, den für die staatliche Parteienfinanzierung erforderlichen Stimmanteil von 0,5 % zu erreichen. Durch den Wegfall der Sperrklausel bei Europawahlen in Deutschland ist die Partei seit 2014 mit einem Sitz im Europäischen Parlament vertreten und hat sich dort der "Fraktion der Grünen / Freie Europäische Allianz" angeschlossen. Zunächst hatte Klaus Buchner (ÖDP, geb. 1941), Physikprofessor aus München, das Mandat inne. Nach seinem Ausscheiden übernahm es 2020 die Saarländerin Manuela Ripa (ÖDP, geb. 1976).

Wahlergebnisse in Bayern

Bayern bildet deutlich den elektoralen Schwerpunkt der ÖDP, obwohl sie auch hier bei allen Wahlen deutlich weniger als 5 % der Stimmen errungen hat. Der Wählerzuspruch bei Landtagswahlen liegt allerdings seit 1990 konstant über 1 % und damit über der für die staatliche Parteienfinanzierung erforderlichen Schwelle.

Jahr Bundestagswahl Europawahl Landtagswahl Kommunalwahl
1982 0,4
1983 0,2
1984 0,6 0,1
1986 0,7
1987 0,6
1989 1,0
1990 1,2 1,7 0,4
1994 1,2 2,2 2,1
1996 1,4
1998 0,7 1,8
1999 1,3
2002 0,4 2,1
2003 2,0
2004 2,4
2005 n.a.
2008 2,0 2,8
2009 1,1 2,1
2013 1,0 2,0
2014 2,7 3,1
2017 0,9
2018 1,6
2019 3,1
2020 3,4

Anmerkung: Angaben in Prozent. Bundestagswahl: Zweitstimmen; Kommunalwahl: Landkreise und kreisfreie Städte

Wahlplakat der ÖDP für die Kommunalwahlen in Bayern 2020. (ÖDP Bayern)

Der Wählerzuspruch ist auch bei Kommunalwahlen beschränkt (dies hat seinen Grund allerdings auch in den relativ hohen Zulassungshürden, die erstmals antretende Listen bei bayerischen Kommunalwahlen überwinden müssen), lediglich in Niederbayern liegt die ÖDP bei Kommunalwahlen seit 2002 dauerhaft über 5 % (bestes Ergebnis: 7,1 %, 2014). Wegen ihrer regionalen Schwerpunkte und des Fehlens einer Sperrklausel besetzt die ÖDP aktuell (Stand: 2020) 386 Mandate in den Kommunen: darunter 144 Kreisräte, 45 Stadträte in kreisfreien Städten und insgesamt fünf Bezirksräte in Oberbayern (2), Niederbayern, Mittelfranken und Schwaben. Dazu kommen noch 32 Mandate von ÖDP-Mitgliedern auf Listen örtlicher Wählervereinigungen in fast ausnahmslos kreisangehörigen Gemeinden. Zusätzlich stellt die ÖDP sechs erste Bürgermeister in kreisangehörigen Gemeinden.

Die Partei hat ihre Schwerpunkte eindeutig im katholisch geprägten Südbayern (insbesondere Niederbayern und der Oberpfalz), während das evangelische Franken, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ein "Diasporagebiet" ist. Die ÖDP wird ausweislich der repräsentativen Wahlstatistik deutlich stärker von Frauen als von Männern gewählt (und ähnelt insofern den Grünen). Während der 1990er Jahre fand die Partei überdurchschnittlichen Zuspruch bei jüngeren Wählern unter 35; in den folgenden Jahren in den älteren Kohorten zwischen 35 Jahren und 60 Jahren. Die Wähler leben dabei vorwiegend auf dem Land bzw. in den Mittel- und Oberzentren ländlicher Gebiete; dagegen ist die Partei im Großraum München weitgehend erfolglos.

Politische (Teil-)Erfolge

Initiativen in der Volksgesetzgebung

Während die ÖDP – abgesehen von begrenzten lokalen Erfolgen – bei Wahlen nicht reüssieren konnte, hat sie über die Volksgesetzgebung landespolitisch mitunter Einfluss genommen:

  • Mit dem Volksbegehren "Schlanker Staat ohne Senat!" setzte sie gegen einen Alternativentwurf des Landtags 1996/97 die Abschaffung der zweiten bayerischen Gesetzgebungskammer durch. Das Volksbegehren erreichte 10,5 %, im Volksentscheid stimmten 69,2 % für das Begehren.
  • Als der Landtag nach den für die Christlich-Soziale Union (CSU) enttäuschend verlaufenen Kommunal- und Landtagswahlen 2008 eine Lockerung des zuvor beschlossenen Rauchverbots beschloss, organisierte die ÖDP federführend das Volksbegehren "Für echten Nichtraucherschutz". Das Volksbegehren erreichte 2009 13,9 % Zustimmung und war schließlich im folgenden Jahr auch mit 61,0 % im Volksentscheid erfolgreich.
  • Ein fulminanter Erfolg war das 2018 initiierte – und zunächst auch von späteren Bündnispartnern wie den Grünen und dem Landesbund für Vogelschutz durchaus kritisch beobachtete – Volksbegehren "Rettet die Bienen!". Anfang 2019 unterzeichneten 18,3 % der Stimmberechtigten das Begehren. Noch während der Eintragungsfrist signalisierte Ministerpräsident Markus Söder (CSU, geb. 1967, Ministerpräsident seit 2018) Entgegenkommen, so dass sich der Landtag den Gesetzentwurf des Volksbegehrens letztendlich zu eigen machte und kein Volksentscheid erforderlich wurde.
  • Wenig erfolgreich waren dagegen die Volksbegehren "Menschenwürde ja, Menschenklonen niemals" mit 2,3 % (2003) und "Für Gesundheitsvorsorge beim Mobilfunk" mit 4,3 % (2005). Für unzulässig erklärte der Bayerische Verfassungsgerichtshof im gleichen Jahr zudem eine Initiative zur Verringerung der Abgeordnetenbesoldung und zur Begrenzung der Nebentätigkeiten von Abgeordneten.

Ambivalenz der Erfolge in der Volksgesetzgebung

Den bemerkenswerten Erfolgen der ÖDP mit ihren Kampagnen zur Abschaffung des Senats, für einen umfassenden Nichtraucherschutz und für verbesserten Artenschutz stehen nicht nur zwei deutlich gescheiterte Initiativen gegenüber. Die Partei konnte ihre Erfolge auch nicht in Stimmenzuwächse bei den jeweils folgenden Landtagswahlen umsetzen. Hatten 1998 im Frühjahr noch über 2,4 Mio. Stimmbürger im Volksentscheid der Abschaffung des Senats zugestimmt, entschieden sich im Herbst bei der Landtagswahl kaum mehr als 100.000 Wähler (1,8 %) für die ÖDP, so dass sie gegenüber der Land­tagswahl 1994 sogar einen Verlust hinnehmen musste. Auch die erfolgreiche Nichtraucherkampagne schlug sich bei den Bundes- und Landtagswahlen 2013 nicht in Stimmenzuwächsen nieder.

Auffällig ist vor allem, dass die ÖDP bei den erfolgreichen Volksgesetzgebungskampagnen überdurchschnittliche Ergebnisse außerhalb ihrer Hochburg Niederbayern erreichte, während dort die Ergebnisse durchwegs unterdurchschnittlich waren. "Auch das Volksbegehren 'Rettet die Bienen!' erhielt in besonderer Weise dort Unterstützung, wo sich 'Wählerhochburgen' der Grünen entwickelt hatten", während ein Zusammenhang zwischen ÖDP-Wahlergebnissen und der Zustimmung zum Volksbegehren nicht festzustellen war (Kranenpohl, Rettet). Dies lässt den Schluss zu, dass die ÖDP diese Erfolge weniger eigenen Mobilisierungserfolgen verdankt, sondern eher von den parallelen Anstrengungen der größeren bayerischen Oppositionsparteien SPD und Grüne profitiert – beide Parteien haben die erfolgreichen Kampagnen unterstützt.

Weitere politische Erfolge

Darüber hinaus schreibt sich die Partei noch weitere Veränderungen in der bayerischen Landespolitik als "indirekte Erfolge" auf ihre Fahnen:

  • Eine auf die Verkleinerung des Landtags von 204 auf 145 Sitze zielende Initiative wurde 1997 hinfällig, nachdem sich die im Parlament vertretenen Parteien auf eine Verkleinerung (auf 180 Sitze) einigten.
  • 1998 beschloss die Staatsregierung, keine weiteren Standorte für mögliche Kernkraftwerke vorzuhalten. Zuvor hatte die ÖDP die Initiative "Kein neues Atomkraftwerk in Bayern" eingereicht.
  • Schließlich nutzte die ÖDP 2001 auch systematisch die direktdemokratischen Instrumente in den Kommunen für eine Kampagne gegen das Kernkraftwerk Temelin (Tschechische Republik). Unter dem Slogan "Teme­lin-Strom kommt mir nicht ins Haus!" wurde eine Reihe von Bürgerbegehren gestartet, um die jeweiligen Stadtwerke zum Abschluss entsprechender Verträge mit dem Energieversorger Eon zu zwingen. Der Stromkonzern entschied daraufhin, die Lieferverträge mit dem Kraftwerksbetrei­ber zu kündigen.

Auch vor den Gerichten errang die Partei einige aufsehenerregende Erfolge:

  • Im Jahre 2004 klagte die ÖDP gemeinsam mit anderen Kleinparteien vor dem Bundesverfassungsgericht erfolgreich gegen das "Drei-Länder-Quorum", nach dem Parteien nur noch in den Genuss der staatlichen Parteienfinanzierung kommen sollten, wenn sie bei Landtagswahlen in mindestens drei Ländern jeweils 1 % der Stimmen erhalten hätten.
  • 2014 war die ÖDP ebenfalls eine der Klägerinnen gegen die vom Bundestag beschlossene "3 %-Sperrklausel" bei Europawahlen, die das Bundesverfassungsgericht ebenfalls verwarf.
  • Vor dem Verwaltungsgericht München erzwang die Partei 2008, dass auch Kleinparteien in den "Wahl-O-Maten" von öffentlichen Institutionen der politischen Bildung vertreten sein müssen.

Programmatik

Das 1982 verabschiedete Grundsatzprogramm betonte einerseits das Konzept des Lebensschutzes, zeigte aber auch deutliche ethnozentristische Akzente, etwa in der Behandlung der Migrationsfrage. Angesichts der auch innerparteilich geäußerte Kritik, die Partei grenze sich nicht sichtbar genug von rechtsextremistischen Positionen ab, war nach dem Abtritt von Gruhl eine Neuformulierung des Programms angezeigt.

Im Grundsatzprogramm von 1997 bekannte sich die ÖDP "zu einem Menschenbild, das die Spannungseinheit von 'Ich' und 'Wir' anerkennt" und "eine neue Art von umfassendem Gemeinsinn" fordert. Es handelte sich dabei offenbar um den Versuch, programmatisch über den Status einer reinen Ökologiepartei hinauszukommen, indem man auf die zeitgenössische Kommunitarismusdebatte einging. Das Ergebnis wirkte aber nicht unbedingt überzeugend, schon weil – in einem Parteiprogramm vielleicht gezwungenermaßen – die eminente Breite kommunitaristischer Positionen nicht reflektiert werden konnte. Eher machte es "den Eindruck, als wäre eine Partei auf die Suche nach einer neuen, grundsätzlichen programmatischen Konzeption und Vision gegangen, hätte sich aus der aktuellen theoretischen Diskussion etwas ausgeborgt und dem Parteiprogramm sozusagen übergestülpt" (Boom, Politik, 132).

Nach dem aktuell gültigen, 2013 überarbeiteten Grundsatzprogramm bietet die ÖDP jenen Menschen eine Heimat, die "nach einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem [streben], das statt an kurzfristiger Gewinnmaximierung an dem Gemeinwohl orientiert ist und Wohlstand nicht nur materiell definiert". Dies wird symbolisiert in einem Baum: "Die Wurzel des Baumes ist die Achtung vor dem Leben. Den Stamm bilden die Bindung, also die Familienpolitik, und die Bildung. Aus diesem Stamm erwachsen die drei kräftigen Äste: der Wohlstand ohne Wachstumszwang, die soziale Gerechtigkeit und die lebendige Demokratie." Als "goldene Regel" ihrer Politik definiert die ÖDP: "Der oberste Grundsatz unseres politischen Handelns ist, dass wir nicht nur an uns selbst denken, sondern auch solidarisch an alle Menschen auf diesem Planeten und an die zukünftigen Generationen. Darüber hinaus sind wir uns bewusst, dass wir in die belebte und unbelebte Natur um uns herum eingebettet sind und für sie Verantwortung haben." Deutlich stellt sich die Partei dabei gegen einen radikalen Individualismus und betont die Einbindung jedes Menschen nicht nur in die Gemeinschaft, sondern die "Ganzheitlichkeit des Lebenssystems". Die ÖDP bekennt sich zur globalen und intergenerationellen Verantwortung.

Organisation

Von der Parteigründung 1982 bis zum Saarbrücker Parteitag 1989 führte Gruhl die ÖDP. Sein Nachfolger Hans-Joachim Ritter amtierte vier Jahre (1989-1993), danach wechselten die Personen im Parteivorsitz mitunter sehr schnell: Nur je zwei Jahre amtierten Bernd Richter (ÖDP, geb. 1943, Vorsitzender, 1993–1995) und Hans Mangold (ÖDP, geb. 1952, Vorsitzender, 1995–1997), je drei Jahre Susanne Bachmaier (ÖDP, geb. 1968, Vorsitzende, 1997–2000) und Uwe Dolata (ÖDP, geb. 1956, Vorsitzender, 2000–2003). Erst mit dem die ÖDP von 2014 bis 2020 im Europäischen Parlament vertretenden Buchner führte von 2003 bis 2010 ein Vorsitzender wieder langfristig die Partei.

Keine dieser Personen erreichte eine öffentliche Sichtbarkeit, die auch nur in Ansätzen mit Gruhl hätte vergleichbar sein können. Dies änderte sich erst mit Sebastian Frankenberger (ÖDP, geb. 1981, Vorsitzender 2010–2014), der 2010 im Alter von 29 Jahren den Bundesvorsitz übernahm und zuvor als "Gesicht" des bayerischen Volksbegehrens zum Nichtraucherschutz zumindest regionale Prominenz erworben hatte. Frankenberger galt zwar als "äußerst hart und effizient arbeitende[r] Jungpolitiker", charakterisierte sich allerdings auch selbst als "sehr polarisierende Persönlichkeit" (Mittler, Scheidung, R13). Im November 2014 unterlag er in einer Kampfabstimmung um den Parteivorsitz deutlich der bis dahin nur lokal bekannten Gabriela Schimmer-Göresz (ÖDP, geb. Schweidler, geb. 1952, Vorsitzende 2014–2017), nachdem er wenige Monate zuvor ohnehin seinen möglichen Rückzug aus der Politik angekündigt hatte. Ende 2017 musste Schimmer-Göresz ihr Amt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Zu ihrem Nachfolger wählte der ÖDP-Bundesparteitag 2018 Christoph Raabs (ÖDP, geb. 1972, Vorsitzender seit 2018).

Den Landesverband Bayern führte nach Michael Arends (ÖDP, geb. 1939, 1982-1989) und Oswald Schönmüller (ÖDP, 1932-2017, 1989-1991) von 1991 bis 2011 Bernhard Suttner (ÖDP, geb. 1949). Danach übernahm Klaus Mrasek (ÖDP, geb. 1964) dieses Amt.

Mitte 2020 hatte die Partei etwa 8.000 Mitglieder (davon fast zwei Drittel in Bayern) und gliederte sich in 16 Landesverbände und 148 Kreisverbände (davon 75 in Bayern).

Erklärungsansätze für die (relative) Stärke der bayerischen ÖDP

Die ÖDP versteht sich zwar als deutschlandweite Organisation, hat aber einen deutlichen Schwerpunkt in Bayern: Allein im Freistaat ist die ÖDP bei Wahlen relativ erfolgreich und folglich gewinnt sie dort vier Fünftel ihrer (Kommunal-)Mandate.

Diese Sondersituation resultiert aus dem Zusammenspiel einer Reihe von Faktoren: So weisen die ÖDP-Mitglieder (und diese Befunde lassen sich wohl auch auf die Wählerschaft übertragen) eine außergewöhnlich enge Bindung insbesondere zur katholischen Kirche auf. Außer dem Saarland weist aber kein Land einen so hohen Katholikenanteil (auch in der Fläche) auf wie Bayern. Zudem gibt es in Bayern mit dem Bund Naturschutz und dem Landesbund für Vogelschutz zwei noch in der Monarchie begründete, mitgliederstarke und in der Gesellschaft tief verankerte Naturschutzorganisationen, die besondere Anknüpfungsmöglichkeiten für eine "bürgerliche Öko-Partei" boten – während etwa im benachbarten Baden-Württemberg die Grünen um Personen wie Wolf-Dieter Hasenclever (Bündnis 90/Die Grünen, geb. 1945, MdL 1980-1984) und Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen, geb. 1948, Ministerpräsident von Baden-Württemberg seit 2011) von Beginn an ein bürgerliches Image hatten.

Literatur

  • Dirk van den Boom, Politik diesseits der Macht? Zu Einfluss, Funktion und Stellung von Kleinparteien im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1999, 118-141.
  • Oliver Geden, Rechte Ökologie. Umweltschutz zwischen Emanzipation und Faschismus, Berlin 2. Auflage 1999, 51-113
  • Karsten Grabow, Kleine Parteien im Europäischen Parlament. Ein Gewinn für die parlamentarische Demokratie?, Berlin 2015.
  • Volker Kempf, Herbert Gruhl. Pionier der Umweltsoziologie. Im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Realität, Graz 2008.
  • Uwe Kranenpohl, Die bayerische ÖDP. Landespolitischer Reißnagel oder quantité négligeable?, in Uwe Jun/Henry Kreikenbohm/Viola Neu (Hg.), Kleine Parteien im Aufwind. Zur Veränderung der deutschen Parteienlandschaft, Frankfurt a. M./New York 2006, 298-318.
  • Uwe Kranenpohl, Ökologische-Demokratische Partei (ÖDP), in: Frank Decker/Viola Neu (Hg.), Handbuch der deutschen Parteien, Wiesbaden 3. Auflage 2017, 425-431.
  • Uwe Kranenpohl, Die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP), in: Harald Bergbauer (Koord.), Parteien und Landtagswahlen in Bayern. Die Landtagswahl 2013 in der Analyse, München 2018, 188-199.
  • Uwe Kranenpohl, "Rettet die Bienen!" – Das Volksbegehren 'Artenvielfalt & Naturschönheit in Bayern', in: Hermann Heußner/Arne Pautsch/Fabian Wittreck (Hg.), Direkte Demokratie. Festschrift für Otmar Jung, Stuttgart 2021 (im Erscheinen).
  • Andreas Schulze, Kleinparteien in Deutschland. Aufstieg und Fall nicht-etablierter politischer Vereinigungen, Wiesbaden 2004, 137-174.
  • Volkmar Wölk, Neue Trends im ökofaschistischen Netzwerk. Am Beispiel der Anthroposophen, dem Weltbund zum Schutz des Lebens und der ÖDP, in: Raimund Hethey/Peter Kratz (Hg.), In bester Gesellschaft. Antifa-Recherche zwischen Konservativismus und Neo-Faschismus, Göttingen 1991, 119-140.
  • Jürgen Wüst, Konservatismus und Ökologiebewegung. Eine Untersuchung im Spannungsfeld von Partei, Bewegung und Ideologie am Beispiel der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP), Frankfurt 1993.
  • Jürgen Wüst, Rechte Ökologen oder bürgerliche Umweltschützer? Die ÖDP, in: Vorgänge 32, Nr. 123 (1993), 20-29.

Quellen

  • Herbert Gruhl, Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik, Frankfurt a. M. 1975.
  • Volker Kempf (Hg.), Herbert Gruhl – Unter der Karawane der Blinden. Schlüsseltexte, Interviews und Reden (1976-1993), Frankfurt a. M. 2003.
  • Raphael Mankau (Hg.), Ökologisch-Demokratische Partei. 20 Jahre ödp, Anfänge, Gegenwart und Perspektiven ökologisch-demokratischer Politik, Rimpar 1999.
  • Dietrich Mittler, Die Scheidung ist besiegelt, in: Süddeutsche Zeitung, 03.06.2014, R13.

Weiterführende Recherche

Externe Links

bis 1997 ÖDP

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Empfohlene Zitierweise

Uwe Kranenpohl, Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP), publiziert am 22.09.2020; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ökologisch-Demokratische_Partei_(ÖDP) (26.10.2020)





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