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Zwischen den Zeiten (ZdZ)

Titelblatt von "Zwischen den Zeiten", zweites Heft des ersten Jahrgangs von 1923.
Titelblatt von "Zwischen den Zeiten", letzte Ausgabe der Zeitschrift 1933.
Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen und Karl Barth bei der Gründung von "Zwischen den Zeiten" 1922 auf dem "Bergli" (Ferienhaus der Familie Pestalozzi in Oberrieden am Zürichsee, wo sich Barth und seine Freunde oft trafen). (Karl Barth-Archiv, Basel)
Georg Merz als Studentenpfarrer in München, um 1930. (Privatbesitz)

von Friedrich Wilhelm Graf und Andreas Waschbüsch

Von 1923 bis 1933 im Münchner Christian Kaiser Verlag erschienene Zeitschrift für evangelische Theologie, die sich rasch zu einem führenden Fachorgan entwickelte. Zwischen den Zeiten war ein Forum der neuen "Wort-Gottes-Theologie" im Umfeld von Karl Barth (1886-1968). Nach Spannungen zwischen den führenden Autoren - neben Barth auch Friedrich Gogarten (1887-1967), Eduard Thurneysen (1888-1977) und Rudolf Bultmann (1884-1976) - wurde die Zeitschrift 1933 eingestellt. Mit "Evangelische Theologie" konnte sich erst ab 1945 dauerhaft ein Nachfolgeorgan etablieren.

Start 1923 und rascher Erfolg

Seit Januar 1923 erschien unter Herausgeberschaft und Schriftleitung von Pfarrer Georg Merz (1892-1959) im Münchner Christian Kaiser Verlag die Zeitschrift "Zwischen den Zeiten: eine Zweimonatsschrift" (ZdZ). Nach einem durchschnittlichen Einzelheftverkauf von 50 bis 100 Exemplaren im Laufe des ersten Jahres konnte sich die Zeitschrift schließlich mit der beachtlichen Druckauflage von 2.500 Exemplaren bei einer tatsächlichen Abonnentenzahl von rund 2.200 und ca. 300 Exemplaren für den Einzelverkauf [Stand: Dezember 1930] auf dem heftig umkämpften Markt theologischer Publikumszeitschriften mehr als nur behaupten: Bertelsmanns "Geisteskampf" - zu seiner besten Zeit mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren veranschlagt – sank schließlich bis in die 1930er Jahre auf 700 Exemplare ab, und der schwache theologiepolitische Hauptkonkurrent, die von den lutherischen Theologen Paul Althaus (1888-1966), Emanuel Hirsch (1888-1972) und Carl Stange (1870-1959) herausgegebene "Zeitschrift für Systematische Theologie", vermochte nur 325 Abonnenten (Stand: Dezember 1930) an sich zu binden.

Theologisches Profil: Karl Barth und die "Wort-Gottes-Theologie"

Im Format 15x22,5 cm präsentierte "Zwischen den Zeiten" der theologischen Öffentlichkeit und speziell der Pfarrerschaft die "Theologie der Krisis" bzw. "Dialektische Theologie", deren wichtigste Vertreter Karl Barth (1886-1968), Friedrich Gogarten (1887-1967), Eduard Thurneysen (1888-1977) und Rudolf Bultmann (1884-1976) waren. Diese führenden Theologen der neuen "Wort-Gottes-Theologie" veröffentlichten in den 11 Jahrgängen von "Zwischen den Zeiten" mit großer Regelmäßigkeit (Barth an die 40 Beiträge; Bultmann 6; Gogarten 23; Merz 26; Thurneysen 20). Auch die meisten anderen Autoren gehörten zur "Frontgeneration" der 1885 bis 1895 Geborenen, die die traumatisierenden Erfahrungen des Ersten Weltkrieges in einer Neubestimmung der Aufgabe der Theologie verarbeiten wollten. Den Herausgeber Georg Merz verband mit den meisten seiner Autoren die oppositionelle Haltung gegen einen als fragwürdig erlittenen bourgeoisen "Kulturoptimismus" und die als fatal anthropozentrisch verachtete "natürliche Theologie" des liberalen Kulturprotestantismus. Sie setzten gegenüber den Kulturtheologien ihrer akademischen Lehrer Adolf von Harnack (1851-1930), Wilhelm Herrmann (1846-1922) und Ernst Troeltsch (1865-1923) auf einen entschieden antihistorischen Denkstil und eine dezidiert theologischere Theologie. Diese sollte nicht dem religiösen Bewusstsein in der Vielfalt seiner individuellen Selbstauslegungen, sondern rein der unbedingten Autorität Gottes verpflichtet sein.

Der Titel des neuen Organs war zunächst umstritten: Gegen Gogartens Vorschlag ("Das Wort") setzte sich schließlich Thurneysen durch, der am 16. Sept. 1922 für "Zwischen den Zeiten" plädierte. Es handelte sich dabei um den Titel eines Essays von Gogarten, der im Juni 1920 in der von Martin Rade herausgegebenen liberalprotestantischen Kulturzeitschrift "Die Christliche Welt" erschienen war (ChW 34, 1920/24, 374-378). Darin hatte der Autor gleich zu Beginn für eine ganze Generation unter dem Eindruck eines vollständig zersetzten Kulturoptimismus diagnostiziert: "Das ist das Schicksal unserer Generation, daß wir zwischen den Zeiten stehen. Wir gehörten nie zu der Zeit, die heute zu Ende geht. Ob wir je zu der Zeit gehören werden, die kommen wird?"

Neben dem Herausgeber und den ständigen Mitarbeitern publizierten in "Zwischen den Zeiten":

Die Beiträge widmeten sich vor allem der (Neu)Bestimmung des theologischen Kanons, der Erörterung kirchlicher Arbeitsfelder und ihrer theologisch-philosophischen Durchdringung sowie der Anthropologie, Ethik, Kulturgeschichte und diakonisch relevanten Gesellschaftsfragen. Der gemeinsame Orientierungspunkt des ständigen Mitarbeiterkreises bestand in der Betonung einer dezidiert kirchlichen, aber gegenüber der empirischen Kirche zugleich entschieden kritischen Theologie, mit klarer Absage an die überkommene akademische Theologie und insbesondere ihre als sklerotisch empfundene historisch-kritische Forschung.

Spannungen zwischen den führenden Autoren

Trotz dieser Übereinstimmung in der Konzentration auf das gepredigte Wort Gottes und die durch solche Verkündigung konstituierte Kirche herrschten von Anfang an auch große Differenzen zwischen den führenden Autoren: Die Aktualisierbarkeit und damit Verfügbarkeit des "Wortes Gottes" war in den teilweise heftig geführten, politisch aufgeladenen Debatten ebenso Gegenstand des Streites wie divergierende Autoritätskonzepte, Fragen der Volkserziehung und die Stellung zur Jugendbewegung.

Die unterschiedliche konfessionelle Prägung der Protagonisten steigerte noch das Dissenspotential: Der aus der Schweiz kommende Barth (1921 nach Göttingen berufen) und sein enger, in St. Gallen-Bruggen lebender Freund Thurneysen fühlten sich der reformierten Tradition verpflichtet und argumentierten daher in calvinistischen Denkformen, wohingegen Gogarten und Merz sich demonstrativ als Lutheraner verstanden. In ihren Auseinandersetzungen spielten deshalb auch alte, vorwiegend ethische Differenzen zwischen Calvinismus und Luthertum eine wichtige Rolle, etwa die Orientierung politischer Ethik am reformierten Konzept der "Königsherrschaft Christi" einerseits und der lutherischen Zweireichelehre mit ihrer Unterscheidung von Gottes Wort in Gesetz und Evangelium andererseits.

Ende im Streit 1933

1933 zerbrach der Mitarbeiterkreis schließlich im Streit - gerade auch um Friedrich Gogartens Integration des von Wilhelm Stapel (1882-1954) etablierten "Volksnomos" in eine kirchenpolitische Perspektive –, trotz aller Vermittlungsbemühungen von Georg Merz. Karl Barth zog sich zurück. Im letzten Heft (ZdZ 11, 1933/6, 536-554) fand sich neben den schon eingegangenen Beiträgen der Sonderbeitrag "Abschied von ‚Zwischen den Zeiten`", der in drei Abschnitten die jeweilige Rückschau auf den gemeinsamen Weg aus der Feder von Barth, Thurneysen und Merz bot. Letzterer publizierte im Rahmen seines Rückblicks auch einen Brief Gogartens, welcher darin sein Unverständnis über die Einstellung der Zeitschrift geäußert hatte. Merz schloss sich dieser Position grundsätzlich an.

Versuche der Weiterführung

Die von Ernst Wolf (1902-1971) - nach einem gescheiterten ersten Weiterführungsversuch Ernst Bizers (1904-1975) ("Blätter zur kirchlichen Lage" 1933/34 im Brücke-Verlag München) – seit 1934 herausgegebene Zeitschrift "Evangelische Theologie" suchte die Linie von "Zwischen den Zeiten" im Münchner Christian Kaiser Verlag fortzuschreiben. Nachdem sie im Jahr 1938 verboten worden war, traten ab 1940 die "Beiträge zur evangelischen Theologie" an ihre Stelle: Nach 8 Heften mit z. T. bedeutenden Beiträgen - darunter in Heft 7 von 1941 der Epoche machende Entmythologisierungsvortrag Rudolf Bultmanns (1884-1976) - musste der in "Evangelischer Verlag Albert Lempp" umbenannte Verlag 1942 jedoch auch diese Reihe einstellen. Ab 1945 erscheint die Zeitschrift erneut unter dem Titel "Evangelische Theologie", anfangs wiederum unter der Leitung Ernst Wolfs.

Literatur

  • Christoph Gestrich, Neuzeitliches Denken und die Spaltung der dialektischen Theologie. Zur Frage der natürlichen Theologie (Beiträge zur historischen Theologie 52), Tübingen 1977.
  • Helmut Gollwitzer, Zum Weg der Zeitschrift, in: Evangelische Theologie 44 [=39 NF] (1984), 137-147.
  • Friedrich Wilhelm Graf, Annihilatio historiae? Theologische Geschichtsdiskurse in der Weimarer Republik, in: Jahrbuch des Historischen Kollegs 2004, München 2005, 49-81.
  • Friedrich Wilhelm Graf, Friedrich Gogartens Deutung der Moderne. Ein theologiegeschichtlicher Rückblick, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 100 (1989), 169-230.
  • Peter Lang, Konkrete Theologie? - Karl Barth und Friedrich Gogarten "Zwischen den Zeiten" (1922-1933), Zürich 1972.
  • Manacnuc Mathias Lichtenfeld, Georg Merz - Pastoraltheologe zwischen den Zeiten. Leben und Werk in Weimarer Republik und Kirchenkampf als theologischer Beitrag zur Praxis der Kirche, Gütersloh 1997.
  • Georg Merz, Die Begegnung Karl Barths mit der deutschen Theologie, in: Kerygma und Dogma 2 (1956), 157-175.

Quellen

  • Christian Kaiser Verlag, Bertelsmann Archiv Gütersloh: CKV 71 & 72.
  • Georg Merz, Wege und Wandlungen. Erinnerungen aus der Zeit von 1892-1922. Nach seinem Tode bearbeitet von Johannes Merz, München 1961.

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Friedrich Wilhelm Graf / Andreas Waschbüsch, Zwischen den Zeiten (ZdZ), publiziert am 13.10.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Zwischen den Zeiten (ZdZ)> (13.12.2018)