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Palmsonntagsputsch, 13. April 1919

Menschenmenge auf dem Münchner Karlsplatz (Stachus) während des Palmsonntagsputsches am 13. April 1919. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Bildersammlung 03834)
Flugblatt der KPD/Spartakusbund, 13. April 1919, Palmsonntagsputsch. (Monacensia. Literaturarchiv und Bibliothek München)

von Florian Sepp und Matthias Bischel

Der sog. Palmsonntagsputsch am 13. April 1919 war ein gescheiterter Versuch der regierungstreuen Republikanischen Schutztruppe, die eine Woche zuvor proklamierte "Räterepublik Baiern" in München zu stürzen und die Autorität der legitimen Staatsregierung Hoffmann wiederherzustellen. Die Aktion führte zwar zur Absetzung der bisherigen Räteregierung, löste nach einer Gewalteskalation aber gleichzeitig die Proklamation einer zweiten, kommunistisch dominierten Räterepublik aus.

Historischer Kontext

Der Umsturzversuch der Republikanischen Schutztruppe am 13. April 1919 ist der radikalisierten Endphase der Bayerischen Revolution 1918/19 zuzurechnen. Hintergrund des Geschehens war die sog. dritte Revolution, d. h. die Proklamation der Räterepublik Baiern am 7. April 1919 durch den radikalen Flügel der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte. Als Reaktion hatten die meisten Mitglieder der vom Landtag gewählten Staatsregierung die Landeshauptstadt verlassen und sich vorerst in Bamberg neu gesammelt. Zentrales Bestreben des Ministeriums Hoffmann war es nun, die Räteherrschaft in München und Südbayern möglichst rasch zu beenden: Neben einer wirtschaftlichen Blockade und Verhandlungen wurde hierfür von Anfang an auch die militärische Option - etwa in Form eines Umsturzes in München selbst - in Erwägung gezogen.

Die Bezeichnung "Palmsonntagsputsch"

Die Ereignisse am 13. April 1919 sind in der Literatur allgemein als "Palmsonnstagsputsch" bekannt. Diese Bezeichnung ist jedoch in mehrerlei Hinsicht problematisch: Sie eröffnet einerseits Raum für Missverständnisse, da sich der Umsturzversuch ja nicht gegen die parlamentarisch legitimierte Staatsregierung richtete, sondern gegen die Räterepublik Baiern, die ihrerseits aus einem revolutionären Akt entstanden war. Die Verwendung des Begriffs "Putsch" lässt hingegen, zumindest nach heutigem Begriffsverständnis, an einen Staatsstreich gegen eine rechtmäßige Regierung denken.

Spricht man von einem Putsch, übernimmt man außerdem den zeitgenössischen Sprachgebrauch, der unter dem Einfluss eines revolutionskritischen Diskurses dazu neigte, bereits größere Unruhen oder isolierte Aktionen als Putsch zu kennzeichnen. Beispiele hierfür sind die sog. Putsche des Obermatrosen Conrad Lotter oder des Bundes Freie Pfalz, die bestenfalls als Putschversuche einzustufen sind.

Der Begriff Palmsonnstagsputsch ist schließlich auch keine historische Wortschöpfung, sondern etablierte sich erst in der Revolutionsforschung der 1960er und 1970er Jahre, als der Bedarf für eine allgemein anerkannte Sprachregelung vorhanden war. Zeitgenössisch fanden hingegen ganz verschiedene Bezeichnungen Verwendung, etwa "Eintagsdiktatur der Münchner Garnison" (Gerstl) oder "Putsch Gutmann und Walter Löwenfeld" (Kandlbinder). Nach Ende der Räterepublik hatte sich also noch keine feste Terminologie herausgebildet; die alternativen Bezeichnungen deuten natürlich auch auf politische Positionierungen hin.

Der Hauptakteur: Die "Republikanische Schutztruppe"

Hauptträger des sog. Palmsonntagsputsches war die Republikanische Schutztruppe. Dabei handelte es sich um eine ca. 1.800 Mann starke Einheit von Freiwilligen, die sich nach der Revolution aus eigener Initiative gebildet hatte. Sie stand unter Führung eines gewählten Kommandanten, des Angestellten und Kunstmalers Alfred Seyffertitz (1884-1944). Das Ministerium für militärische Angelegenheiten hatte die Einheit am 22. November offiziell anerkannt, ihr die Aufgabe der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in der Landeshauptstadt zugewiesen und sie der Stadtkommandantur unterstellt. Die Republikanische Schutztruppe war somit Teil der Münchner Garnison, wirkte jedoch gleichzeitig in gewisser Weise als Fremdkörper, weil sich ihre Mitglieder nach der Revolution aus freien Stücken zum Schutz der neuen Regierung gemeldet hatten und auch vorerst im Dienst bleiben sollten. Demgegenüber wurden die regulären Einheiten der bayerischen Armee nach ihrer Rückkehr von der Front schrittweise demobilisiert (d. h. nach Hause entlassen) oder aber verblieben in Ermangelung einer zivilen Perspektive bis auf weiteres in den Kasernen - ein häufig übersehener Grund für die politische Radikalisierung in der Landeshauptstadt.

Vorgeschichte und Verlauf der Proklamation der Räterepublik Baiern am 7. April 1919 machten die politische Stimmung in der Münchner Garnison dann besonders deutlich: Wirkten zahlreiche Soldatenräte der regulären Einheiten aktiv am neuerlichen Umsturz mit, schloss sich ein Großteil der Republikanischen Schutztruppe diesem Kurs nicht an und verhielt sich zunächst abwartend. Die besonders zum Schutz der Regierung und des Freistaats gebildete Truppe konnte die Ausrufung der Räterepublik zwar nicht verhindern, blieb jedoch auch nach Abreise der meisten Minister als potenzielle Opposition in München zurück.

Entscheidung zum Sturz der Räteregierung

Mit der vollendeten Tatsache der Ausrufung der Räterepublik konfrontiert, versuchte Seyffertitz nun zunächst, sich unter den Soldatenräten der Garnison Gehör zu verschaffen und die Stimmung zugunsten der Regierung Hoffmann zu beeinflussen. Schon nach einigen Tagen schien dieses Unterfangen nicht völlig aussichtslos, da die Räteregierung bisher vor allem durch innere Streitigkeiten aufgefallen war, aber kaum greifbare Erfolge vorweisen konnte.

Der Kommandeur der Schutztruppe schlug deshalb den am 10. April tagenden Kasernenräten vor, den Zentralrat wieder abzusetzen und München bis zur Rückkehr der Staatsregierung diktatorisch durch loyale Militärführer zu regieren. Der Antrag stieß immerhin auf ein geteiltes Echo, sogar eine Annahme schien sich bereits abzuzeichnen, ehe sich die Anwesenden nach stundenlanger Diskussion dann doch dagegen entschieden.  

Von diesen Eindrücken ermutigt, machte sich Seyffertitz mit zwei Begleitern nach Nürnberg und Bamberg auf, um mit Vertretern des Militärministeriums zu verhandeln. Nach Gesprächen mit Ministerpräsident Johannes Hoffmann (SPD, 1867-1930) und dem Stellvertreter des Militärministers Gottlob Paulus (geb. 1851) erhielt er schließlich grünes Licht für sein Vorhaben. Die Regierung wollte den Umsturz zwar nicht selbst auslösen, versprach aber die benötigte Unterstützung. Seyffertitz reiste daraufhin mit dem Rechtsanwalt Walter Loewenfeld (1889-1925) und dem Student Franz Gutmann, die bereits seit dem 6. April in Nordbayern gegen die Räterepublik mobilisierten, nach München zurück und traf dort seine Vorbereitungen.

Verlauf des Palmsonntagsputsches

Die Aktion begann im Morgengrauen des 13. April 1919, dem Palmsonntag. Die Republikanische Schutztruppe besetzte öffentliche Gebäude und versuchte möglichst viele Funktionäre des Zentralrats in ihren Privatwohnungen zu verhaften; allerdings konnten nur 13 Personen dingfest gemacht werden, darunter Fritz Soldmann (USPD, 1878-1945), Arnold Wadler (USPD, 1882-1951) und Erich Mühsam (1878-1934). Politische Protagonisten wie Ernst Toller (USPD, 1893-1939), Gustav Landauer (USPD, 1870-1919) und die Führung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) konnten sich der Festnahme jedoch entziehen. Wider Erwarten schloss sich auch ein Großteil der Münchner Truppenverbände dem Umsturzversuch nicht an, womit sich eine politische Pattsituation ergab.

Als Kompromisslösung entschied man sich schließlich, für den Nachmittag eine Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte ins Hofbräuhaus einzuberufen, um dort eine Entscheidung über Fortbestehen oder Ende der Räterepublik zu fällen. Beide Seiten hielten sich indes nicht an dieses Stillhalteabkommen und versuchten möglichst rasch vollendete Tatsachen zu schaffen: So wurden Soldmann, Wadler und Mühsam sogleich mit einem Sonderzug nach Eichstätt abtransportiert, während der im Grunde bereits entmachtete Zentralrat für 16 Uhr zu einer Protestkundgebung auf der Theresienwiese aufrief.

Entscheidende Bedeutung kam nun jedoch der Tatsache zu, dass sich die KPD-Führung angesichts der spürbaren Resonanz auf diesen Protestaufruf relativ spontan entschloss, ihre bisherige Verweigerungshaltung aufzugeben und selbst den Versuch zu unternehmen, die Kontrolle über die Rätebewegung zu erlangen. Während der Kommunist Josef Sontheimer (KPD, 1867-1919) daher mit bewaffneten Anhängern auf der Theresienwiese erschien und die Wache der Republikanischen Schutztruppe in Scharmützel verstrickte, begaben sich seine Parteigenossen Eugen Leviné (KPD, 1883-1919) und Max Levien (KPD, 1885-1937) zur Versammlung ins Hofbräuhaus, um sich dort Gehör zu verschaffen.

Maschinengewehrstellung der Bahnhofswache im Hauptbahnhof während der Zweiten Räterepublik. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

Es kam schließlich zur Gewalteskalation, als u. a. Sontheimer die Versammelten aufrief, das Hauptquartier der Regierungstruppen, den nahegelegenen Hauptbahnhof, zu belagern und eine beträchtliche Zahl der Demonstranten dieser Aufforderung Folge leistete. Die Republikanische Schutzwehr eröffnete beim Eintreffen der Menschenmenge rasch das Feuer, woraufhin ein stundenlanges Gefecht um den Bahnhof entbrannte, bei dem 21 Menschen starben und 80 Personen als Verletzte zurückblieben. Von der Heftigkeit der Kämpfe zeugen Berichte, wonach an den Fassaden der umgebenden Gebäude selbst im dritten Stock noch Einschusslöcher zu sehen waren. Gegen 21 Uhr mussten Seyffertitz und seine Truppe, die vergeblich auf das Eintreffen der zugesagten Unterstützung warteten, schließlich fliehen und die Belagerer nahmen den Bahnhof ein. Die Räteanhänger hatten sich also im offenen Kampf gegen eine militärische Einheit der Regierung durchgesetzt.

Proklamation der kommunistischen Räterepublik

Die Versammlung im Hofbräuhaus erhielt von diesen dramatischen Ereignissen bald Kenntnis, woraufhin auch dort die Stimmung umschlug und Eugen Leviné das Wort für die Wahl eines neuen Aktionsausschusses als Antwort auf den Putschversuch ergriff. Leviné plädierte dafür, die bisherige Räteregierung per formellen Beschluss der Betriebs- und Soldatenräte für aufgelöst zu erklären und an ihre Stelle eine neue, von den Kommunisten beherrschte Spitze zu setzen. Angesichts der vorherrschenden Empörung stimmte die Versammlung diesem Vorschlag zu und wählte einen paritätisch besetzten Aktionsausschuss von 24 Mitgliedern. Diesem wurde allerdings ein fünfköpfiger Vollzugsrat übergeordnet, in dem die KPD-Funktionäre Eugen Leviné, Max Levien und Willi Budich (KPD, 1890-1938) die Mehrheit hatten.

Auswirkungen der Ereignisse in Südbayern

Führte der Umsturzversuch in München also zu einer weiteren politischen Eskalation, löste der sog. Palmsonntagsputsch an anderen Orten Südbayerns unterschiedliche Reaktionen aus. Dies lag auch daran, dass über München eine Nachrichtensperre verhängt war und die Ereignisse im übrigen Land daher nur langsam bekannt wurden. Selbst die Staatsregierung in Bamberg hatte am 15. April noch kein klares Bild von der Lage gewonnen und hielt einen Erfolg der Aktion noch für möglich.

Im Raum Rosenheim hatte sich unterdessen eine ähnliche Entwicklung wie in München abgespielt: Dort war es lokalen Honoratioren und Demonstranten am Nachmittag des 13. April zunächst gelungen, die Räteführung der Stadt zu verhaften und als Bürger-, Bauern- und Arbeiterausschuss vorläufig die Macht zu übernehmen. Schon einen Tag später trafen jedoch Einheiten des Infanterie-Leibregiments aus München ein und kehrten die Lage wieder um: Es kam daher auch in Rosenheim zur zweiten Räterepublik, d. h. in diesem Fall zur Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei.

In Memmingen und Kempten brachte der Palmsonntag hingegen das Ende der Räteherrschaft: Von den Nachrichten aus München ermutigt, drangen in Memmingen Bürger und Mehrheitssozialdemokraten in eine Versammlung der Räte ein, konnten die Anwesenden entwaffnen und erzwangen so eine Rücktrittserklärung der Räteregierung. In Kempten erklärten sich wiederum die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte nach langen Verhandlungen bereit, die Räterepublik zu beenden und alle gefassten Entscheidungen zurückzunehmen.

Das Generalkommando des III. Armeekorps ging in seinem Einflussbereich sogar dazu über, vermeintliche Räteanführer zu verhaften, darunter auch kurzfristig den Staatskommissar für Ernährungswesen und späteren Landwirtschaftsminister Johann Wutzlhofer (BB, 1871-1936) in Straubing.

Unter diesem Eindruck entschieden sich nun viele kleinere Orte, der Staatsregierung in Bamberg durch Kundgebungen und Telegramme ihre Unterstützung zu versichern. Das Herrschaftsgebiet der zweiten Räterepublik erstreckte sich deshalb nur noch auf einige Teile Oberbayerns.

Literatur

  • Heinrich Hillmayr, Roter und Weißer Terror in Bayern nach 1918. Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen der Gewalttätigkeiten im Verlauf der revolutionären Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg (Reihe Moderne Geschichte II), München 1974.
  • Peter Keller, "Die Wehrmacht der Deutschen Republik ist die Reichswehr". Die deutsche Armee 1918-1921 (Krieg in der Geschichte 82), Paderborn 2014.
  • Christl Knauer-Nothaft, Georg Kandlbinder (1871-1935). Sozialdemokrat. Revolutionär. Verfolgter, München 2008.
  • Georg Köglmeier, Die zentralen Rätegremien in Bayern 1918/19. Legitimation - Organisation - Funktion (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 135), München 2001.
  • Allan Mitchell, Revolution in Bayern 1918/1919, München 1967, 277-278.
  • Walter Roos, Die Rote Armee der Bayerischen Räterepublik in München 1919. Gab es diese Armee wirklich? ... und wie war deren Stärke, Heidelberg 1998, 114-126.
  • Michael Seligmann, Aufstand der Räte. Die erste bayerische Räterepublik vom 7. April 1919 (Reihe Libertäre Wissenschaft 8), Grafenau-Döffingen 1989.

Quellen

  • Karl-Ludwig Ay, Appelle einer Revolution. Dokumente aus Bayern zum Jahr 1918/19. Das Ende der Monarchie, das revolutionäre Interregnum, die Rätezeit (Buch und Bürger, Sonderband), München 1968.
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Kriegsarchiv, Bestand 'Republikanische Schutztruppe'.
  • Wolfgang Ehberger (Bearb.), Das Kabinett Hoffmann I. 17. März - 31. Mai 1919 (Die Protokolle des Bayerischen Ministerrats 1919-1945 2/1), München 2010.
  • Max Gerstl, Die Münchener Räte-Republik, München 1919.
  • Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt beim Oberkommando des Heeres (Hg.), Die Niederwerfung der Räteherrschaft in Bayern 1919 (Darstellungen aus den Nachkriegskämpfen deutscher Truppen und Freikorps 4), Berlin 1939.
  • Peter Landau/Rolf Rieß (Bearb.), Recht und Politik in Bayern zwischen Prinzregentenzeit und Nationalsozialismus. Die Erinnerungen von Philipp Loewenfeld (Münchener Universitätsschriften, Juristische Fakultät, Abhandlungen zur rechtswissenschaftlichen Grundlagenforschung 91), Ebelsbach 2004.
  • Max Siegert, Aus Münchens schwerster Zeit, München/Regensburg 1928.

Weiterführende Recherche

Vierte Revolution, 4. Revolution

Empfohlene Zitierweise

Florian Sepp/Matthias Bischel, Palmsonntagsputsch, 13. April 1919, publiziert am 11.05.2006 (Aktualisierte Version 12.12.2018); in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Palmsonntagsputsch,_13._April_1919> (26.06.2019)