Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Heiratsmuster, europäische

Erstheiratsalter von Frauen und Hajnal-Linie. (W. Schröter)
Princeton-Index des Anteils verheirateter Frauen im Alter zwischen 15 und 50 (Index Im), 1870. In den südlichen Regierungsbezirken Bayerns lag 1870 der Anteil der Frauen zwischen 15 und 50 Jahren, die verheiratet waren, nur bei 35-40 %, in den nördlichen bei 40-45 %.

von Wilko Schröter und Markus Cerman

Erklärungsmodell für Heiratsverhalten und Familienstrukturen seit dem Mittelalter. Entlang einer Linie von St. Petersburg nach Triest lässt sich Europa in zwei Bereiche aufteilen. Bayern gehörte zum Gebiet mit hohem Erstheiratsalter und einem hohem Anteil von lebenslang Ledigen. Infolgedessen dominierten Einfamilienhaushalte, denen nicht verwandte Personen angegliedert waren. Die neuere Forschung stellte regionale Varianten fest, etwa im Alpenraum. Für Bayern liegen nur wenige Forschungen vor. Sie zeigen Veränderungen auch im zeitlichen Verlauf.

Einführung des Forschungsbegriffs

Ein von John Hajnal (1924-2008) 1965 veröffentlichter Aufsatz "European marriage patterns in perspective" markiert den Beginn theoretischer Überlegungen und empirischer Untersuchungen zu den Besonderheiten europäischer Heiratsmuster und Familienstrukturen in der Historischen Demographie und in der historisch-sozialwissenschaftlichen bzw. historisch-anthropologischen Familienforschung. 1982 bzw. 1983 schließlich stellte Hajnal eine Verbindung zwischen den Heiratsmustern und der Haushaltsbildung in Europa seit dem Mittelalter her, die Grundlage für weiterführende Überlegungen war.

Das "European Marriage Pattern"

In seinem ursprünglichen Aufsatz verwies Hajnal auf einen empirischen Unterschied in den Anteilen der verheirateten Population in verschiedenen Teilen Europas um 1900 und versuchte zu belegen, dass dies Ausdruck für seit der frühen Neuzeit bestehende Differenzen in den Heiratsmustern innerhalb Europas sei. Ihm zufolge handelte es sich um ein typisches und einzigartiges System ("unique or almost unique"), das historisch gesehen außerhalb der von ihm angegebenen Regionen Europas (seine Daten für außereuropäische Regionen bezogen sich auf den Zeitraum ca. 1930 bis 1950) nicht nachweisbar ist.

Geographisch verortete Hajnal dieses Muster, das er (und in Folge auch die Literatur) "European Marriage Pattern" benannte, westlich einer Europa teilenden, etwa von St. Petersburg bis Triest verlaufenden Linie ("Hajnal-Line", siehe auch Abbildung 1), für das folgende Phänomene zu beobachten sind:

  1. ein hohes Erstheiratsalter (im allgemeinen über 24 Jahre bei Frauen und über 26 Jahre bei Männern)
  2. ein hoher Anteil lebenslang lediger Personen (im Allgemeinen über 10 %).

Eine Verbindung zu spezifischen Haushaltsformen, nämlich einer Dominanz von Kernfamilien und Koresidenz nicht verwandter Personen im frühneuzeitlichen Europa, wurde aufgrund der frühen Arbeiten der historisch-sozialwissenschaftlichen Familienforschung, namentlich auf Grundlage der Studien von Peter Laslett (geb. 1915) und Michael Mitterauer (geb. 1937), hervorgehoben und von Hajnal in dem erwähnten Aufsatz von 1982 bzw. 1983 theoretisch untermauert. Die Verbindung des Heiratsmusters mit langfristigen Spezifika europäischer Sozialstrukturen ist auf Untersuchungen von Michael Mitterauer (2003) zurückzuführen.

Bei der Entstehung des europäischen Heiratsmusters und spezifischer Verwandtschaftsformen wurde von dem Anthropologen Jack Goody (geb. 1919) (1983) der spätantiken und frühmittelalterlichen christlichen Kirche eine entscheidende Rolle zugeschrieben. Diese "Goody-Thesen" sind in der Mediävistik umstritten, stellten aber einen wichtigen Stimulus für die Forschung dar. Den Ansätzen von Goody, Hajnal (1982/1983) und Mitterauer ist gemein, dass sie die Herausbildung eines "European Marriage Pattern" als langfristiges Phänomen betrachten, das bereits durch wesentliche Veränderungen im Frühmittelalter zugrundegelegt wurde. Die ersten verfügbaren spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bevölkerungsregister, die eine Untersuchung breiterer Bevölkerungsschichten ermöglichen, zeigen in der Regel eine Dominanz von Kleinfamilienhaushalten und hoher Ledigenanteile in Nordwest- und Mitteleuropa. Dies wird gestützt durch vereinzelt verfügbares Material über die Haushalte von Unfreien (servi) der karolingischen Zeit. Anhand von Untersuchungen auch zum bayerischen Raum (z. B. auf der Grundlage von Erbschaftsreglegungen des Abtes von Engelbrechtsmünster 820 [Gde. Geisenfeld, Lkr. Pfaffenhofen a. d. Ilm]) zeigt sich ein Vorherrschen gattenzentrierter Haushalte unter den Bauern, deren Zusammensetzung v. a. von der Arbeitsorganisation und nicht von Verwandtschaftserwägungen bestimmt wurde. (Hammer 1983)

Das "Eastern European Pattern"

Laut Hajnal ist das östlich der "Hajnal-Linie" verlaufende "Eastern European Pattern" gekennzeichnet durch:

  1. eine sehr frühe Heirat (mit einem durchschnittlichen Heiratsalter bei der ersten Ehe unter 22 Jahren bei Frauen und unter 24 Jahren bei Männern)
  2. und universelle Verehelichung (Anteile lebenslang Lediger unter 5 % der Bevölkerung)

Bereits frühe Arbeiten der historisch-sozialwissenschaftlichen Familienforschung und der Historischen Demographie fanden Beispiele für hohe Anteile komplexer Familienformen und multipler Familienhaushalte unter Ausschluss nichtverwandter Personen, z. B. im frühneuzeitlichen Balkan und Russland. Im Gegensatz zu Nordwesteuropa stellten Einfamilienhaushalte in Teilen des östlichen Mitteleuropa, Südost- und Osteuropa (insbesondere in den ländlichen Regionen) diesen Ergebnissen zufolge kein dominantes Familienmuster dar.

In seinem Aufsatz von 1982/1983 begründete Hajnal dies mit der Absenz von Neolokalität - also die Ablösung von der elterlichen Familie und die Bildung neuer Haushalte nach erfolgter Eheschließung - als bestimmendes Muster der Haushaltsbildung, was zur Bildung von Mehrfamilienhaushalten über den Familienzyklus hinweg führte. In neueren Forschungen wird darauf verwiesen, dass insbesondere die von Laslett (1983) formulierte Klassifikation europäischer Großräume nach dominanten Familien- und Haushaltsmustern sich gerade für die angebliche Dominanz komplexer Familienformen im Osten Europas nur auf einige wenige Fallstudien aus Russland und Serbien stützte. Heute betont man daher mitunter eher die regionale Differenzierung auch im östlichen Europa oder das Fehlen eines unbedingten Zusammenhangs zwischen Heiratsverhalten und Haushaltsbildungsmustern. Letztlich erscheint auch die Benennung eines nordwesteuropäischen Heiratsmusters als "europäisch" problematisch. Hajnal benutzte den Begriff lediglich als Abkürzung für Westeuropa (European Marriage Pattern, 101, Fußnote 2) und unterschied nicht zwischen einem Kulturraum Europa und dem historischen Sozialraum. Im Titel des Aufsatzes spricht er von europäischen Heiratsmustern im Plural. Demnach sollten alle in Europa um 1890 hervortretenden Heiratsmuster als "europäisch" gelten.

Ursprünge und Varianten des europäischen Heiratsmusters

Erklärungen für die relativ hohen Ledigenanteile und das relativ hohe Heiratsalter in mittel-, west- und nordeuropäischen Regionen stützen sich auf bereits im Frühmittelalter etablierte Sozialformen und Einflüsse, die spätestens im Verlauf des Mittelalters zur Herausbildung der beschriebenen Heirats- und Haushaltsmuster führten, die im Spätmittelalter in der Region Dominanz erlangten. Dazu zählen der Gesindedienst von Jugendlichen, der in der Regel auf bestimmte Altersphasen vor der Eheschließung lebenszyklisch beschränkt war (in der Neuzeit etwa bis zum 30. Geburtstag), und die zunehmende Bedeutung selbständiger ländlicher bäuerlicher Familienbetriebe ("Hufen" – "terra unius familiae"), die beide ihre Ursprünge in der bipartiten Grundherrschaft (auch Fronhofs- oder Villikationsverfassung) hatten. Weiters waren umfassende Veränderungen in den Verwandtschaftssystemen - die Gleichstellung kognatischer (Abstammungslinie nach Mutter und Vater) und agnatischer (Blutsverwandte der männlichen Linie) Verwandter -, nicht zuletzt auch der Einfluss der römischen Kirche von großer Bedeutung. Wirtschaftliche und soziale Einflüsse sowie die späte Erstheirat waren bestimmend für das Prinzip der neolokalen Haushaltsbildung nach der Verehelichung, so dass die Anteile von Haushalten mit zwei oder mehreren Ehepaaren beschränkt blieben.

Eine enge Bindung von Heirat und Besitz – wie insbesondere von deutschen bevölkerungsgeschichtlichen Arbeiten angenommen – wird indessen durch die neue sozialhistorische Forschung hinterfragt. Dies steht somit Ansichten der traditionellen "Bevölkerungsgeschichte", die z. T. stark normativ-politisch mit obrigkeitlicher Regulierung von Eheschließung argumentierte, entgegen. Auswirkungen des staatlich-kommunalen "politischen Ehekonsens" sind für Deutschland und Österreich empirisch nur für die Moderne untersucht (siehe etwa Ehmer 1991 oder Mantl 1997) und verweisen auf geringe Einflussnahme, wobei die politische Linie zwischen Bevölkerungspolitik und Beschränkung von Armut stets widersprüchlich blieb. Was grundherrschaftliche Einflussnahme in der Vormoderne betrifft, so ist zu vermuten, dass sich das Interesse der Obrigkeit wohl weniger auf die Verehelichung an sich, sondern die daraus erwachsenden Einnahmemöglichkeiten (z. B. Hochzeitstaxen) und wirtschaftlichen Konsequenzen von Hof- und Besitzübernahme (z. B. wirtschaftliche Belastungen des jungen Ehepaars durch mögliche Ausgedingeverträge) konzentrierte (Ehmer 1991).

Die Exklusivität eines besonderen "European marriage pattern" wird in der neueren Forschung - nicht zuletzt auch im weltweiten Vergleich, etwa mit Japan oder Korea - mitunter kontrovers diskutiert. Die Untersuchungen des Historikers Edward Anthony Wrigley (geb. 1931) (1985) bezüglich des Heiratsverhaltens zeigten z. B. Unterschiede in der Heiratshäufigkeit und im Heiratsalter zwischen Frankreich und England. Die Heiratsverhältnisse bewegen sich einerseits innerhalb des nordwesteuropäischen Heiratsmusters, weichen andererseits jedoch so signifikant voneinander ab, dass sie als verschiedene Varianten des "European marriage pattern" betrachtet werden können. Ähnlichkeiten mit anderen kontinentaleuropäischen Ländern wie Deutschland oder Schweden legen nahe, dass eine Unterscheidung in eine englische und eine kontinentaleuropäische Variante in Frage kommt. Außerdem konnte Josef Ehmer (geb. 1948) (1991) eine spezielle Form der kontinentaleuropäischen Variante des "European marriage pattern" im Alpenraum ("Alpines Heiratsmuster") mit extrem hohen Ledigenquoten nachweisen, wobei auch in Bayern durch die Gesindewirtschaft im bäuerlichen Bereich die Ledigenquoten höher waren als in anderen Teilen Deutschlands.

Die Differenzierung der europäischen Heiratsmusters ergibt sich aus einer flexiblen Anpassung an unterschiedliche Einflussfaktoren, sodass Ehmer für das Heiratsverhalten auf die von Wrigley geprägte Zugangsweise eines "repertoire of adaptable systems" zurückgreift, das regionale Unterschiede und Veränderungen im Zeitverlauf erfasst.

Auf gesamteuropäischer Ebene verweisen auch die auf der Provinzebene erhobenen Daten des Princeton Fertility Project (Coale/Watkins 1986) auf bedeutende regionale Differenzierungen im Verheiratetenanteil von Frauen zwischen 15 und 50 Jahren innerhalb der einzelnen Staaten im 19. Jahrhundert. Bayern liegt danach 1870 mit Anteilen zwischen 35 und 45 % verheirateter Frauen in diesem Alter im unteren Bereich der gesamteuropäischen Ebene (Abbildung 2).

Bedeutende Veränderungen über Zeit lassen sich selbst an den in der Literatur verfügbaren Daten über das historische Bayern ablesen. Die Ergebnisse der von John Knodel (1988) untersuchten Dörfer zeigen zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert eine starke Zunahme des durchschnittlichen Alters bei der Erstheirat (Tabelle 1). Auf im europäischen Vergleich relativ hohe Ledigenanteile verweisen auch Daten für das Königreich Bayern aus dem Jahr 1880 (Tabelle 2).

Tabelle 1: Erstheiratsalter für drei Dörfer 1700-1899 in Oberbayern und Schwaben

Es handelt sich um die Dörfer Anhausen (Gde. Diedorf, Lkr. Augsburg), Gabelbach (Gde. Zusmarshausen, Lkr. Augsburg) und Kreuth (Lkr. Miesbach), 1700-1899.

Periode Männer Frauen
1700-1749 28,4 27,7
1750-1799 30,5 28,9
1800-1824 30,3 29,3
1825-1849 33,7 30,9
1850-1874 33,3 30,4
1875-1899 32,1 28,1

Quelle: John Knodel, Demographic transitions in German villages, in: Coale/Wakins, Decline of fertility, 352.

Tabelle 2.1: Ledigenanteile in bayerischen Städten, 1880

Stadt Anteil der ledigen Männer an den 25- bis 29-Jährigen Anteil der ledigen Männer an den 45- bis 49-Jährigen
Dillingen 75,3 15,8
Passau 71,0 19,0
München 68,6 15,4
Würzburg 68,2 10,8
Augsburg 64,5 11,3
Nürnberg 59,7 8,7
Hof 46,8 7,7
Pirmasens (Pfalz) 39,8 6,8
St. Ingbert (Pfalz) 37,5 4,7

Quelle: Ehmer, Bevölkerungsgeschichte, 154.

Dabei können die Ledigenanteile unter den Männern im Alter von 25-29 als Indikator für das Heiratsalter und jene unter den 45-49jährigen als Indikator für die zeitlebens Ledigen gewertet werden.

Tabelle 2.2: Altersspezifische Ledigenquoten im Königreich Bayern, Männer, 1880

Region 25- bis 29-Jährige 45- bis 49-Jährige
Oberbayern 68,5 17,2
Niederbayern 66,0 16,4
Pfalz 44,7 6,6
Oberpfalz 60,3 11,4
Oberfranken 56,3 10,6
Mittelfranken 61,6 9,4
Unterfranken 57,3 11,5
Schwaben 66,9 12,9

Quelle: Ehmer, Bevölkerungsgeschichte, 308.

Literatur

  • Ansley J. Coale/Susan Cotts Watkins (Hg.), The decline of fertility in Europe, Princeton 1986.
  • Josef Ehmer, Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1800-2000 (Enzyklopädie deutscher Geschichte 71), München 2004.
  • Jack Goody, The development of the family and marriage in Europe, Cambridge 1983.
  • John Hajnal, European Marriage Patterns in Perspective, in: David Victor Glass/D.E.C. Eversley (Hg.), Population and History, London 1965, 101-145.
  • John Hajnal, Two kinds of pre-industrial household formation systems, in: Richard Wall/Jean Robin/Peter Laslett (Hg.), Family Forms in Historic Europe, Cambridge 1983, 65-104. (Original in: Population and Development Review 8, 1982, 449-494.)
  • Carl I. Hammer, Family and familia in early-medieval Bavaria, in: Richard Wall/Jean Robin/Peter Laslett (Hg.), Family Forms in Historic Europe, Cambridge 1983, 217-248.
  • John E. Knodel, Demographic Behavior in the Past. A Study of fourteen German Village Populations in the 18th and 19th centuries, Cambridge 1988.
  • Peter Laslett, Family and household as work group and kin group: areas of traditional Europe compared, in: Richard Wall/Jean Robin/Peter Laslett (Hg.), Family forms in historic Europe, Cambridge 1983, 513-563.
  • Elisabeth Mantl, Heirat als Privileg. Obrigkeitliche Heiratsbeschränkungen in Tirol und Vorarlberg 1820-1920, München 1997.
  • Michael Mitterauer, Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs, München 4. Auflage 2004.
  • Christian Pfister, Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1500-1800 (Enzyklopädie deutscher Geschichte 28), München 2. Auflage 2007.
  • Edward Anthony Wrigley, The fall of marital fertility in nineteenth-century France, in: European Journal of Population 1 (1985), 31-60, 141-177.

Weiterführende Recherche

Externe Links

european marriage pattern, Heiratsverhalten

Empfohlene Zitierweise

Wilko Schröter/ Markus Cerman, Heiratsmuster, europäische, publiziert am 09.05.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Heiratsmuster, europäische> (15.11.2018)