Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Freie Bauernschaft, 1919-1929/33

von Jonathan Osmond

Anfang 1919 am Niederrhein entstandene radikale Bauernorganisation, die während der Weimarer Republik in Rheinhessen, dem Saargebiet sowie im linksrheinischen Bayern größeren Zulauf hatte. In der Pfalz entwickelte sich die überparteiliche, überkonfessionelle Freie Bauernschaft rasch zur größten bäuerlichen Vereinigung mit rund 15.000 Mitgliedern (Stand 1923). Mit gewerkschaftlichen Methoden sowie Lieferstreiks kämpfte sie insbesondere gegen staatliche Zwangsbewirtschaftung der Landwirtschaft in den Nachkriegsjahren und stand damit in scharfem Gegensatz zur Staats- und Kreisregierung. Ihr Führer war zunächst Rudolf Hamm, seit März 1921 Franz-Josef Heinz (1884-1924).

Ursprung und Ziele der Freien Bauernschaft

Die Anfänge der Organisation sind in zwei Gebieten des besetzten Rheinlands zu suchen: am Niederrhein und an der Saar. Im März 1919 gründete der Gutsbesitzer Josef Scholten aus Xanten eine Freie Bauernschaft am Niederrhein. Scholten war auch mit Heinrich Pflug aus Baltersbacherhof in der Saarpfalz in Kontakt, der den Freien Bauernschaftsgedanken im Saargebiet und in der Rheinpfalz etablierte. Pflug, Rittmeister a.D. und Besitzer zweier landwirtschaftlicher Betriebe und einer Ziegelei, veröffentlichte im März 1919 eine Broschüre, die im Volksmund "Roter Esel" hieß. Der eigentliche Titel, "Landwirtschaft gegen Sozialdemokratie", verdeutlichte die von Pflug propagierte Haltung: "Die vielleicht noch zufriedenen Bauern müssen unzufrieden gemacht werden. [...] Die Bauern wollen aber heute ihre egoistischen Interessen, ohne Rücksicht auf das Allgemeinwohl scharf vertreten sehen, weil sie gesehen haben, daß diese Art der Vertretung den Industriearbeitern zur Herrschaft verholfen hat. [...] Freie Bauern auf freier Scholle! Mit gutem Verdienst! Mit großem politischem Einfluß! An Ansehen und Einfluß jedem anderen Berufsstande gleich! Bereit, den Kampf mit jedem anderen Stande aufzunehmen! Gerüstet, diese Kämpfe zu bestehen!" (Pflug, Landwirtschaft gegen Sozialdemokratie, 11, 16, 20). Von Ende 1919 bis März 1921 war Pflug Vorsitzender der Freien Bauernschaft im Saargebiet sowie des sog. Reichsverbands der Freien Bauernschaften, des losen Netzwerks derartiger Initiativen im Rheinland und im rechtsrheinischen Bayern.

Regionale Schwerpunkte

Insgesamt war die Freie Bauernschaft am Niederrhein, in Rheinhessen, im Saargebiet, in Unterfranken, in Niederbayern und in der Pfalz am aktivsten. Vereinzelte Agitation gab es auch in den anderen bayerischen Regierungsbezirken. In jedem Fall stand sie in Konkurrenz zu den anderen bäuerlichen Verbänden: im Rheinland zu den christlichen Bauernvereinen, in Bayern zum Bayerischen Bauern- und Mittelstandsbund und zum Bayerischen Christlichen Bauernverein, und in der Pfalz zum Pfälzer Bauernbund und zum Pfälzer Bauernverein.

Mitgliederzahlen

Mitgliederzahlen der Freien Bauernschaft sind nicht genau festzustellen, doch kann man am Höhepunkt ihrer Aktivität in den frühen 1920er Jahren folgende Zahlen schätzen: Rheinprovinz 30.000; Saargebiet 15.000; Rheinhessen 15.000; Bayern rechts des Rheins 12.000; Rheinpfalz 15.000.

Presseerzeugnisse

Für ihre Mitglieder gab die Freie Bauernschaft eigene Presseerzeugnisse heraus. Seit Juli 1920 erschien die Zeitung "Freier Pfalz Bauer", 1921 umbenannt in "Freier Bauer". Mit dem Untertitel "Südwestdeutsche Bauernzeitung" sollte sie eine breite Leserschaft in der Pfalz, im Saargebiet, im Hunsrück, in Birkenfeld und in der Rheinprovinz erreichen. Andere Titel hießen "Freier Hessen Bauer" und "Bayerischer Freier Bauer". Mitte des Jahres 1929 wurde die Zeitung "Freier Bauer" in "Südwestdeutsche Bauernzeitung" umbenannt. Sie erschien bis in den Sommer des Jahres 1933.

Die Freie Bauernschaft in der Pfalz

Am stärksten war die Bewegung seit Jahresbeginn 1920 in der bayerischen Rheinpfalz, die bis zur Auflösung der Organisation ihr Kerngebiet blieb. Hier ist ihre Geschichte untrennbar mit der Episode des pfälzischen Separatismus 1923/24 verbunden, da ihr erster Vorsitzender (und spätere Vorsitzende des Reichsverbandes), der Landwirt Franz Josef Heinz (1884-1924) aus dem nordpfälzischen Dorf Orbis, kurzzeitig als selbsternannter "Präsident der Autonomen Republik der Pfalz" amtierte. Am 9. Januar 1924 wurde Heinz von Mitgliedern verschiedener vaterländischer Verbände im Hotel Wittelsbacher Hof in Speyer erschossen. Die Organisation überlebte jedoch diese politische Krise und agitierte weiter gegen die Steuer- und Handelspolitik des Reiches, gegen sinkende Agrarpreise und gegen die Verschuldung des Bauerntums.

Von Juli 1920 bis zum Oktober 1929 – mit einer kurzen Unterbrechung im Frühjahr 1924, um am Reichstagswahlkampf teilzunehmen – war Rudolf Hamm (1894- vor 1988) aus Deileisterhof in der Westpfalz Vorsitzender der Freien Bauernschaft in der Pfalz. Hamm war Mitglied der Pfälzer DVP und mit vielen anderen politischen Persönlichkeiten der Pfalz in engem Kontakt. Er lehnte die separatistische Politik Heinz´ ab.

Programm der Freien Bauernschaft und Agitation in Niederbayern

Das Programm der Freien Bauernschaft aus dem Jahre 1921 betonte ihre christlich-nationale Gesinnung und war nicht ausdrücklich antisemitisch. Die Organisation sollte konfessionell und parteipolitisch neutral sein, was in der konfessionell gemischten Pfalz ein wichtiges Merkmal war. Ihr Ziel war die Behauptung der bäuerlichen Wirtschaftsinteressen, wenn nötig unter Anwendung des Lieferstreiks: "Die Freie Bauernschaft, Christliche Gewerkschaft zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen der Landwirtschaft ist die von Konfessionalität und Parteipolitik freie, auf christlicher und gewerkschaftlicher Grundlage beruhende bäuerliche Einheitsorganisation, die, ein Erzeugnis der Not der Zeit, im Frühjahr 1919 gegründet wurde. Mit den zur einzigen und wirklichen Erreichung ihrer Ziele notwendigen Eigenschaften versehen, erstrebt sie in jeder Hinsicht die gebührende Berücksichtigung der bäuerlichen Standesinteressen. [...] Für den Fall, daß sich alle friedlichen Wege als nutzlos erweisen, [ist] zur Durchführung berechtigter, wirtschaftlicher Forderungen das Notwehrmittel des Streiks in irgend einer Form zur Anwendung zu bringen." (Staatsarchiv Nürnberg, Rep. 270 IV II/258: Programm der Freien Bauernschaft, 17. September 1921)

Tatsächlich fanden in den Jahren 1920-1923 in der Pfalz mehrere kurze, von der Freien Bauernschaft organisierte Lieferstreiks statt, welche die Zufuhr von Milch, Kartoffeln und Getreide in die Städte kurzfristig beeinträchtigten. Ähnliche Aktionen fanden 1922/23 in Niederbayern statt, wo Johann Wüst (geb. 1873) aus Steinweiler in der Pfalz, nun in Walpersdorf (Lkr. Landshut) ansässig, sowie Emil Wiggers (1892-1977), Geschäftsführer der Freien Bauernschaft in Kaiserslautern, und Franz Josef Heinz selbst eine radikale Kampagne gegen die sog. Getreideumlage, eine prozentuale Zwangsablieferung, betrieben. Alle drei standen mehrmals vor dem Landgericht Landshut. Wiggers wurde zu drei Monaten Haft verurteilt, was den Radikalismus der Bauern in Niederbayern und in der Pfalz zusätzlich steigerte.

Das Ende der Freien Bauernschaft

Nach dem Ende der Zwangswirtschaft im Herbst 1923 und der Inflation im Winter/Frühjahr 1923/24 sanken die Mitgliederzahlen der Freien Bauernschaft rasch. Hochverschuldet, wurde die rechtsrheinische bayerische Freie Bauernschaft 1926 aufgelöst. Die Freie Bauernschaft der Pfalz ging am 1. Oktober 1929 zusammen mit dem Pfälzer Bauernbund in der Pfälzer Bauernschaft auf. Andere Teile der Organisation lebten bis 1933 weiter, ohne jedoch großen Einfluss zu haben. Ein Gesamtvorstand des Reichsverbands bestand unter dem Vorsitz von Ernst Mossel aus Rheinhessen bis zum Jahr 1933.

Literatur

  • Hannsjörg Bergmann, Der Bayerische Bauernbund und der Bayerische Christliche Bauernverein 1919-1928, München 1986.
  • Helmut Gembries, Verwaltung und Politik in der besetzten Pfalz zur Zeit der Weimarer Republik, Kaiserslautern 1992.
  • Gerhard Gräber/Matthias Spindler, Revolverrepublik am Rhein. Die Pfalz und ihre Separatisten. 1. Band: November 1918 – November 1923, Landau 1992.
  • Stephanie Merkenich, Grüne Front gegen Weimar. Reichs-Landbund und agrarischer Lobbyismus 1918-1933, Düsseldorf 1998.
  • Jonathan Osmond, Die 'Freie Bauernschaft' und der Separatismus: Bauernpolitik, bürgerliche Parteien und französische Besatzung in der Pfalz, in: Wilhelm Kreutz/Karl Scherer (Hg.), Die Pfalz unter französischer Besetzung (1918/19-1930), Kaiserslautern 1999, 123-143.
  • Jonathan Osmond, Peasants and Rural Notables in the Bavarian Palatinate, 1816-1933, in: Ralph Gibson/Martin Blinkhorn (Hg.), Landownership and Power in Modern Europe, London/New York 1991, 131-144.
  • Jonathan Osmond, Rural Protest in the Weimar Republic. The Free Peasantry in the Rhineland and Bavaria, Basingstoke/London/New York 1993.
  • Félix Revol, Le syndicalisme paysan et les grèves paysannes de 1920, 1921 et 1922 dans le Nord du Palatinat Rhénan, Paris 1923.
  • Franz Josef Rohr, Die freien erwerbswirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Organisationen der pfälzischen und saarländischen Landwirtschaft in der Kriegs- und Nachkriegszeit, Dissertation Heidelberg 1922.
  • Bernd Schlütter, Die Freie Bauernschaft am linken Niederrhein (in den Kreisen Mörs, Kleve, Geldern, unter besonderer Berücksichtigung des Kreises Mörs), Dissertation Hamburg 1924.

Quellen

  • Staatsarchiv für Niederbayern, Landshut: Rep. 167/2: Landgericht Landshut - Strafakten.
  • Staatsarchiv für Mittelfranken, Nürnberg: Rep. 270 IV II: Regierung, Kammer des Innern: öffentliche Sicherheit: 258 Bauerngewerkschaft.
  • Freier Pfalz Bauer, Waldfischbach, Jge. 1920-21.
  • Freier Bauer, Waldfischbach, Jge. 1921-29.
  • Südwestdeutsche Bauernzeitung, Waldfischbach, Jge. 1929-33.
  • Verband der Pfälzischen Industrie, Neustadt a.d. Weinstrasse: Kreisarbeitgeberverband für Land- und Forstwirtschaft, Wein- und Gartenbau in der Pfalz.
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv München: ML1876; ML3639; MA102156; MA107988; MA108455; MInn73729.
  • Nordrhein-Westfälisches Hauptstaatsarchiv Düsseldorf: Landwirtschaftskammer Rheinland RW152/87.
  • Landesarchiv Speyer: Regierung der Pfalz Kammer des Innern; Bezirksämter; T63.
  • Rudolf Hamm, Freie Bauernschaft: Heinz-Orbis und Separatismus. Nach Aufzeichnungen zusammengestellt, Deileisterhof 1930.
  • Heinrich Pflug, Landwirtschaft gegen Sozialdemokratie. Was müssen die Landwirte von der Organisation der Industrie-Arbeiter wissen, um daraus zu lernen? Bauern-Gewerkschaften, Baltersbach 1919.
  • Die Pfalz unter französischer Besatzung von 1918 bis 1930. Kalendarische Darstellung der Ereignisse vom Einmarsch im November 1918 bis zur Räumung am 1. Juli 1930, hg. v. Bayerischen Staatskommissariat für die Pfalz, München 1930.
  • G.E.R. Gedye, The Revolver Republic. France's Bid for the Rhine, London 1930.

Weiterführende Recherche

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

Jonathan Osmond, Freie Bauernschaft, 1919-1929/33, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Freie Bauernschaft, 1919-1929/33> (12.12.2018)