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Karte des Landgebiets der Stadt Nürnberg, Pfinzing Atlas fol. 3. (Staatsarchiv Nürnberg, B 425)
Karte des Landgebiets der Stadt Nürnberg, Pfinzing Atlas fol. 3. (Staatsarchiv Nürnberg, B 425)

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Nürnberg, Reichsstadt: Territorium

Die Reichsstadt Nürnberg besaß mit rund 1.200 qkm eines der größten reichsstädtischen Territorien. Das Gebiet gliederte sich in die Alte und Neue Landschaft. Die Alte Landschaft, zu der auch die Reichswälder zählten, war ein Konglomerat aus Herrschaften und Besitzungen Nürnberger Bürger, Klöster und Sozialeinrichtungen. Die Hochgerichtsbarkeit (Cent, Fraisch) lag hier jedoch bei der Burggrafschaft bzw. den Markgraftümern Ansbach und Kulmbach-Bayreuth, was eine Quelle ständiger Konflikte war. Die Neue Landschaft erhielt Nürnberg 1505 als Kriegsgewinn aus dem Landshuter Erbfolgekrieg. Hier übte die Stadt meist alle Hoheitsrechte aus. 1790/91 bzw. 1796 besetzten Bayern und Preußen große Teile des Nürnberger Territoriums, das 1806 vollständig an Bayern fiel.


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Artikel von Michael Diefenbacher

Größe und Gliederung

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Nürnberg besaß unter den deutschen Reichsstädten das größte Territorium. In Größe (ca. 1.220 qkm) und Bedeutung war es mit kleineren Fürstentümern gleichzusetzen. Nur die seit 1353 der Eidgenossenschaft zugehörende Reichsstadt Bern sowie die Reichsstädte Ulm und Straßburg verfügten über annähernd vergleichbare Landgebiete. Das Nürnberger Territorium gliederte sich in die bis um 1500 gewachsene "Alte Landschaft" und die flächenmäßig etwa doppelt so große "Neue Landschaft", welche die Stadt 1504/05 im Landshuter Erbfolgekrieg erobert hatte. Sie wurde ihr 1505 im Kölner Frieden auch vertraglich zugesichert. Um 1790 lebten in Nürnberg innerhalb der Stadtmauern ca. 25.000 Menschen, im Nürnberger Landgebiet dagegen etwa 35.000.

Entstehung

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Der gezielte Ausbau territorialer Herrschaft nicht nur Nürnbergs, sondern von Reichsstädten allgemein seit der Mitte des 14. Jahrhunderts hatte mehrere Hintergründe: die Schwäche der Reichsgewalt, deren mangelnde Friedenswahrung, die Schuldenkrise des umwohnenden Land- und Ritteradels bei gleichzeitigem Kapitalüberschuss im städtischen Bürgertum und das steigende Bedürfnis der Städte nach gesicherter Beschaffung von Lebensmitteln für ihre Bewohner, nach sicherer Rohstofflieferung für ihre Handwerker sowie nach militärischem Eigenschutz.

Erworben wurden dabei keine Territorien, sondern – wie im Altsiedelland des Alten Reiches üblich – Güter und Rechte. Der Ausbau zum "Territorium" erfolgte – wenn überhaupt – erst im Laufe der Neuzeit.

Die "Alte Landschaft"

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Vor den großen Veränderungen ab 1790/96 (bayerische Sequestrationen und preußische Revindikationen) gab das Territorium der Reichsstadt Nürnberg folgendes Bild ab:

Die "Alte Landschaft" war das Gebiet außerhalb der Nürnberger Stadtmauern, gelegen hauptsächlich zwischen den sog. Grenzwässern Erlanger Schwabach, Regnitz/Rednitz und Schwarzach. Es umfasste die Vorstädte Gostenhof (seit 1342 burggräfliches Lehen der Nürnberger Familie Waldstromer, seit 1477 Nürnberger Pflegamt) und Wöhrd (Teil des burggräflichen Amts der Veste, zusammen mit diesem 1427 von Nürnberg erworben) ebenso wie die Sebalder und Lorenzer Reichswälder und das Knoblauchsland. Die Reichswälder waren Reichsgut. Das Reichslehen im südlichen (Lorenzer) Reichswald hatten zusammen die Nürnberger Familien Waldstromer (1396 von Nürnberg erworben) und Koler (1372 von Nürnberg erworben) inne, dasjenige im nördlichen (Sebalder) Reichswald, zu dem auch das Knoblauchsland zählte, die Burggrafen. Diese erwarb die Stadt 1427 zusammen mit der Burggrafenburg und dem Amt der Veste. Einige Rechte der Reichsstadt, vor allem die Hochgerichtsbarkeit (Fraisch), wurden seit 1427 von den Burggrafen von Nürnberg (den späteren Markgrafen von Ansbach/Kulmbach-Bayreuth) bestritten. 1583 wurden sie diesen im sog. Fraischprozess vor dem Reichskammergericht zwar zugesprochen, sie blieben aber steter Reibungspunkt zwischen beiden.

Vogteiliche und grundherrschaftliche Rechte übten vor 1790 in der "Alten Landschaft" vor allem die beiden Waldämter Sebaldi und Laurenzi aus, das Pflegamt Gostenhof sowie das Amt der Veste mit dem Richteramt Wöhrd. Gerichtsinstanzen waren die Gerichtsherren der jeweiligen Untertanen, das Nürnberger Bauerngericht, die Forstgerichte der beiden Reichswälder sowie das Zeidelgericht in Feucht. Innerhalb, aber vor allem außerhalb der "Alten Landschaft" gab es zudem einen gewaltigen Streubesitz mittelbarer Herrschaften und Rechte Nürnberger Bürger und ehemals geistlicher Institutionen – wie der im 16. Jahrhundert säkularisierten Nürnberger Klöster – oder Institutionen der Wohltätigkeitsfürsorge, hier vor allem des Heilig-Geist-Spitals. Dieser Streubesitz erstreckte sich geographisch vom Steigerwald und der Fränkischen Schweiz im Norden bis in den Raum um Gunzenhausen und Greding im Süden, von Ansbach im Westen bis zum Jurabogen im Osten. Allein das Nürnberger Landalmosenamt – zuständig unter anderem für den Landbesitz der ehemaligen Nürnberger Klöster – verwaltete um 1790 Besitzungen in über 500 Orten. Innerhalb der "Alten Landschaft" verfügte Nürnberg, den Streubesitz mitgerechnet, im Jahr 1497 in 780 Orten über etwa 28.000 Personen, die in 5.780 Haushalten lebten. Diese Hintersassen waren der Reichsstadt zu Huldigung, Gehorsam, Heeresfolge und zur Entrichtung von Steuern verpflichtet.

Die "Neue Landschaft"

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Die 1504/05 erworbene "Neue Landschaft" wurde von Pflegämtern in Altdorf (Lkr. Nürnberger Land), Betzenstein (mit Stierberg; beide Lkr. Bayreuth), Engelthal (Lkr. Nürnberger Land), Hersbruck (Lkr. Nürnberger Land), Hiltpoltstein (1503 gekauft; Lkr. Forchheim) mit Hohenstein und Wildenfels (1505 und 1511 gekauft; Lkr. Nürnberger Land), Lauf, Reicheneck und Velden (Lkr. Nürnberger Land) mit Hauseck (Lkr. Amberg-Sulzbach) verwaltet. Das Pflegamt Gräfenberg (Lkr. Forschheim), zwischen 1347 und 1536 sukzessive durch Nürnberger Familien bzw. die Reichsstadt erworben, zählte ebenso wie das 1406 gekaufte Pflegamt Lichtenau bei Ansbach zur "Neuen Landschaft". Die Struktur der Nürnberger Pflegämter lehnt sich dabei oft an die pfälzische/bayerische Ämterstruktur vor 1504 an.

Die Nürnberger Pflegämter wurden 1513 dem neugeschaffenen Landpflegamt als "Mittelbehörde" unterstellt. Im Gegensatz zur "Alten Landschaft" waren die Pflegämter der "Neuen Landschaft" mit Steinen ausgemarkte Territorien, in denen die Reichsstadt unumstritten ihre Justiz-, Finanz- und Verwaltungshoheit ausübte. Lediglich in den Pflegämtern Altdorf und Lauf, die teilweise in die Reichswälder hineinreichten, bestritten die Markgrafen die Fraisch ebenfalls. Die Selbstverwaltungsrechte der Städte Altdorf (ab 1575 zusätzlich mit der Akademie/Universität Altdorf), Lauf, Hersbruck, Velden, Betzenstein und Gräfenberg blieben auch unter der Nürnberger Verwaltung bestehen.

Schrittweise Mediatisierung 1790/91-1806

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In beiden Markgrafenkriegen (1449/50 und 1552-1554) und im Dreißigjährigen Krieg wurde vor allem das Landgebiet und seine Bevölkerung durch Einquartierungen, Plünderungen, Truppendurchzüge und Seuchen heftig in Mitleidenschaft gezogen.

Nachdem Kurbayern 1777 an die Linie Pfalz-Sulzbach gefallen war, begann Kurpfalzbayern den Nürnberger Streubesitz in der Oberpfalz sowie in den zu Pfalz-Neuburg zählenden Ämtern Heideck und Hilpoltstein gerichtlich und steuerrechtlich zu beanspruchen. 1790/91 besetzte Kurpfalzbayern mit Berufung auf seine alten Rechte die seit dem Landshuter Erbfolgekrieg Nürnberg zustehenden Ämter (bayerische Sequestrationen). Große Teile der Ämter Hiltpoltstein, Gräfenberg und Velden waren nun okkupiert, was zu entsprechenden Steuerausfällen für Nürnberg führte. Proteste bei Kaiser und Reich verhallten wegen der angespannten militärisch-politischen Lage ergebnislos. Im Machtpoker um das Nürnberger Erbe trat Kurpfalzbayern mit Wohlwollen und Unterstützung Frankreichs in Konkurrenz zu Preußen auf, dem 1791 die beiden fränkischen Markgraftümer zugefallen waren. Minister Karl August von Hardenberg (1750-1822) war seitdem bemüht, eine territorial geschlossene preußische "Provinz Franken" zu schaffen. Als Preußen im Zuge seiner Revindikationspolitik 1796 den bereits von den Markgrafen beanspruchten Fraischbezirk in der "Alten Landschaft" besetzte, war Nürnberg bis auf die Stadtmauern eingeschlossen. Ihm verblieb fortan neben dem auf seinen Hochgerichtsbezirk reduzierten Pflegamt Lichtenau und den durch Kurpfalzbayern erheblich verkleinerten Pflegämtern nur noch sein Streubesitz im Hochstift Bamberg.

1972 ist der größte Teil des ehemaligen Nürnberger Landgebiets (vor allem der "Neuen Landschaft") im neu geschaffenen Landkreis Nürnberger Land zusammengefasst worden.


Literatur:

Quellen:

Weiterführende Recherche:

Externe Links:


Empfohlene Zitierweise:

Michael Diefenbacher, Nürnberg, Reichsstadt: Territorium, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45857> (06.09.2012)


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Letzte Änderung: 06.09.2012